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  Christoph Fromm | Tina Lizius  
     
   
     
  ,,Sierra’’ von Christoph Fromm  
     
 

Drei Bundeswehr-12-Tonner bringen Hilfsgüter in die Savanne. Die Sprüche der Soldaten sind chauvinistisch, abgebrüht und blind für das Schicksal der von Hunger und Krankheit gezeichneten Menschen. Was sie interessiert sind die käuflichen Mädchen, die am Lagerrand hocken, um sich mit ihrem noch halbwegs normal ernährten Körper zusätzliches Geld zu verdienen, die Kartenrunden in den afrikanischen Nächten, in denen es um die besten Sprüche, Alkohol und um Dollars in schwindelerregender Höhe als Einsatz geht.

Zwei Welten stoßen aufeinander, wenn die Deutsche Fahne zwischen zwei Urwaldriesen mitten in Afrika hochgezogen wird.

JAKSCH, ALBERT, Anfang zwanzig, ist Obergefreiter. Z 7 Zeitsoldat bei der Bundeswehr zum Friedenseinsatz. Gut einsneunzig groß, einhundert Kilo Kampfgewicht, schicksalsergebene Bulldogge, die man allerdings nicht zu sehr reizen sollte. Die stets ungeputzten Gläser der Stahlbügelbrille lassen seine Augen übergroß wirken. Etwas Kindliches geht von ihm aus, in Verbindung mit dem Babyspeck, den er noch nicht ganz losgeworden ist. Noch Jungfrau, aber das ist sein bestgehütetes Geheimnis.

In Gesellschaft gibt sich Albert als schlagfertig gerissenes Schlitzohr. Aus einem Kaff bei Gera stammend hat er sich diese Abgebrühtheit zulegen müssen: der Betrieb seines Vaters ist durch das Hochwasser pleite gegangen. Während er beim Kartenspiel in der Savanne betrügt und gewinnt träumt er davon, zuhause die Familie zu retten, den Neuaufbau der heimischen Spedition zu finanzieren. Deshalb ist er beim Bund, deshalb ist er hier in – Sierra Leone, Mali, Guinea, was weiß er denn, wo – als kleines Rädchen einer Entscheidung, die irgendwer, nur bestimmt nicht Albert Jaksch, getroffen hat: Hilfe und Frieden dorthin zu bringen, wo ein blutrünstiger Bürgerkrieg zwischen namen- und gesichtslosen Rebellenarmeen tobt, mit dem keiner von diesen jungen Männern auch nur das geringste zu tun hat. Das glauben sie jedenfalls.

Als Jaksch mit einem falschen Diamanten als Einsatz von seinen Kameraden beim Betrug erwischt wird und der Kommandant ihn einbuchtet, hat er Glück und Unglück zugleich. Das Flugzeug, mit dem er Hilfsmittel in ein Flüchtlingslager bringen sollte und in die nächst größere Stadt, in der ugandische Frauen und „Rambazamba“ locken, geht direkt nach dem Start in Flammen auf. Angeschossen von einer Stinger-Rakete. Seine panikartig abrückende Bundswehreinheit lässt ihn mutterseelenallein im Bau zurück.

Das Erste, was Jaksch zu sehen bekommt, sind die rot lackierten Zehennägel der 14jährigen SHEELA und eine Kalaschnikow, mit der sie Jakschs Kinn hochschiebt. Mit ihrem viel zu weit geschnittenen Tarnanzug, der von einem Gürtel voller Patronen und Handgranaten zusammengehalten wird, ist das Mädchen, das Jaksch gerade mal bis zur Brust reicht, die brutale Anführerin einer Gruppe zerlumpter Kindersoldaten, die marodierend herumzieht, ohne Kriegsziel, ohne Strategie. Wie Straßenkinder, die niemand braucht und niemand vermisst, vollgepumpt mit Waffen, Munition, Marihuana und Crack, auf nichts anderes aus als Rausch und grausigen Taumel, ihre zerstörten Seelen wenigstens für ein paar Augenblicke zu betäuben.

Dass Sheela den erbeuteten Deutschen nicht auf der Stelle erschießt, liegt nur daran, dass er für sie hinterm Steuer eines Bundeswehr-LKWs mit anderen Kindersöldnern ein wildes Boxauto-Wettrennen liefern soll, so dass sie auf ihn setzen kann. Jaksch fährt um sein Leben, Sheela zählt ihren Gewinn. Und dann hat sie die Idee, mithilfe dieses riesigen Weißen als Fahrer, Wasser und die erbeuteten Medikamente in ein Flüchtlingscamp ihres Stammes in den Norden zu bringen. Endlich hat sie ein Ziel. Und Sheela bestimmt. Es geht durch Dörfer, deren Einwohner massakriert wurden, über Abgründe, durch einen unpassierbaren, Malaria und Tod bringenden Sumpf, um der Armee eines gefürchteten Generals nicht in die Hände zu fallen. Als Jaksch, stets ans Lenkrad gefesselt, den anderen Kindern zur Flucht verhilft, ohne dass sie ihn befreien, sind er und die sich immer mehr zudröhnende Sheela allein. So werden sie, zunächst nur notgedrungen und voller gegenseitigem Misstrauen, Partner im Versuch, irgendwie diese Hölle zu überleben. Sheela erzählt, wie sie Kindersoldatin geworden ist bei „Papa Doc“. Und auch wenn sie, die Erzählungen über alles liebt, nicht weiter spricht, ahnt der so abgebrühte, schlitzohrige Albert Jaksch aus Gera, der es bis jetzt lustig fand, Einheimische „Kohlensäcke“ zu nennen, dass und wie die Eltern von Sheela, die in Wahrheit Pheebe hieß, „die in der Wildnis geborene“, ums Leben gekommen sind. Und wozu „Papa Doc“ sie dabei gezwungen hat, um sie ein für alle mal zu einer Söldnerin zu machen, der nichts mehr zu grausam ist.

Es ist eine der ganz großen Freundschaftsgeschichten – und sogar das Wagnis des Beginnens einer zarten unrealisierten, weil unrealisierbaren Liebesgeschichte, die hier erzählt werden – ausgehend von den extremsten Gegensätzen, nicht nur der Herkunft und des Alters, auch der vertauschten Lebenserfahrungen und -enttäuschungen. Des Klammerns an Geisterglaube oder an ein imaginäres Zuhause, das auf einmal ganz weit weg ist. Für uns alle in der Jury war es atemberaubend zu lesen, wie hier eine Figur, ein durchschnittlicher, ziemlich gegenwärtiger und gedankenloser Deutscher durch die Begegnung mit existentieller Bedrohung in der Fremde und dem persönlichen Leid einer brutal und verzweifelt gegen ihre Gebrochenheit anstrampelnden Geiselnehmerin zu, man muss es sagen, heldenhafter Größe wächst.

Dieses Drehbuch ist reinstes Kino. Wenn Jaksch, endlich am Ziel angekommen, aber nur die eigene Haut und sonst gar nichts gerettet, Sheela das letzte Mal die Fußnägel lackiert, während Wasser und Medikamente unter Freudenschreien im Lager verteilt werden, dann hat er stellvertretend für uns nicht nur ein existenzielles und moralisches Extrem-Abenteuer bestanden, bei dem sich Episches und Dramatisches absolut zwingend verbinden, ohne eine Spur von Rührseligkeit oder romantisierende Naturschwelgerei. Dieser Albert Jaksch hat dann für uns eine Tiefe der menschlichen Erfahrungen durchschritten , die fähig macht zu trauern um einen geliebten Menschen , die Bedeutung des eigenen Lebens zu erkennen und zu schätzen, Einsicht in die eigenen Grenzen gibt – und daraus die Kraft zur Veränderung. Das Wachsen dieser beiden Figuren aneinander ist es, das für den Kinozuschauer aus tiefer Hoffnungslosigkeit eine Spur einer Hoffnung erwachsen lässt.

Die Jury freut sich außerordentlich und ohne jede Einschränkung, dass der deutsche Drehbuchpreis 2007 an dieses herausragende Drehbuch geht. Sie gratuliert mit größtem Respekt dem Preisträger, ebenso wie seinen dramaturgischen Musen und Mitstreitern, für diese packende, beispielgebende Leistung. Seien wir gespannt auf einen großen Film, der die Zuschauer berühren wird.


12. November 2007
Laudatio von den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zum Anlass der Verleihung des Deutschen Drehbuchpreises 2007

     
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