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Drei Bundeswehr-12-Tonner bringen Hilfsgüter
in die Savanne. Die Sprüche der Soldaten sind chauvinistisch,
abgebrüht und blind für das Schicksal der von Hunger und
Krankheit gezeichneten Menschen. Was sie interessiert sind die käuflichen
Mädchen, die am Lagerrand hocken, um sich mit ihrem noch halbwegs
normal ernährten Körper zusätzliches Geld zu verdienen,
die Kartenrunden in den afrikanischen Nächten, in denen es
um die besten Sprüche, Alkohol und um Dollars in schwindelerregender
Höhe als Einsatz geht.
Zwei Welten stoßen aufeinander, wenn die Deutsche Fahne zwischen
zwei Urwaldriesen mitten in Afrika hochgezogen wird.
JAKSCH, ALBERT, Anfang zwanzig, ist Obergefreiter. Z 7 Zeitsoldat
bei der Bundeswehr zum Friedenseinsatz. Gut einsneunzig groß,
einhundert Kilo Kampfgewicht, schicksalsergebene Bulldogge, die
man allerdings nicht zu sehr reizen sollte. Die stets ungeputzten
Gläser der Stahlbügelbrille lassen seine Augen übergroß
wirken. Etwas Kindliches geht von ihm aus, in Verbindung mit dem
Babyspeck, den er noch nicht ganz losgeworden ist. Noch Jungfrau,
aber das ist sein bestgehütetes Geheimnis.
In Gesellschaft gibt sich Albert als schlagfertig gerissenes Schlitzohr.
Aus einem Kaff bei Gera stammend hat er sich diese Abgebrühtheit
zulegen müssen: der Betrieb seines Vaters ist durch das Hochwasser
pleite gegangen. Während er beim Kartenspiel in der Savanne
betrügt und gewinnt träumt er davon, zuhause die Familie
zu retten, den Neuaufbau der heimischen Spedition zu finanzieren.
Deshalb ist er beim Bund, deshalb ist er hier in – Sierra
Leone, Mali, Guinea, was weiß er denn, wo – als kleines
Rädchen einer Entscheidung, die irgendwer, nur bestimmt nicht
Albert Jaksch, getroffen hat: Hilfe und Frieden dorthin zu bringen,
wo ein blutrünstiger Bürgerkrieg zwischen namen- und gesichtslosen
Rebellenarmeen tobt, mit dem keiner von diesen jungen Männern
auch nur das geringste zu tun hat. Das glauben sie jedenfalls.
Als Jaksch mit einem falschen Diamanten als Einsatz von seinen Kameraden
beim Betrug erwischt wird und der Kommandant ihn einbuchtet, hat
er Glück und Unglück zugleich. Das Flugzeug, mit dem er
Hilfsmittel in ein Flüchtlingslager bringen sollte und in die
nächst größere Stadt, in der ugandische Frauen und
„Rambazamba“ locken, geht direkt nach dem Start in Flammen
auf. Angeschossen von einer Stinger-Rakete. Seine panikartig abrückende
Bundswehreinheit lässt ihn mutterseelenallein im Bau zurück.
Das Erste, was Jaksch zu sehen bekommt, sind die rot lackierten
Zehennägel der 14jährigen SHEELA und eine Kalaschnikow,
mit der sie Jakschs Kinn hochschiebt. Mit ihrem viel zu weit geschnittenen
Tarnanzug, der von einem Gürtel voller Patronen und Handgranaten
zusammengehalten wird, ist das Mädchen, das Jaksch gerade mal
bis zur Brust reicht, die brutale Anführerin einer Gruppe zerlumpter
Kindersoldaten, die marodierend herumzieht, ohne Kriegsziel, ohne
Strategie. Wie Straßenkinder, die niemand braucht und niemand
vermisst, vollgepumpt mit Waffen, Munition, Marihuana und Crack,
auf nichts anderes aus als Rausch und grausigen Taumel, ihre zerstörten
Seelen wenigstens für ein paar Augenblicke zu betäuben.
Dass Sheela den erbeuteten Deutschen nicht auf der Stelle erschießt,
liegt nur daran, dass er für sie hinterm Steuer eines Bundeswehr-LKWs
mit anderen Kindersöldnern ein wildes Boxauto-Wettrennen liefern
soll, so dass sie auf ihn setzen kann. Jaksch fährt um sein
Leben, Sheela zählt ihren Gewinn. Und dann hat sie die Idee,
mithilfe dieses riesigen Weißen als Fahrer, Wasser und die
erbeuteten Medikamente in ein Flüchtlingscamp ihres Stammes
in den Norden zu bringen. Endlich hat sie ein Ziel. Und Sheela bestimmt.
Es geht durch Dörfer, deren Einwohner massakriert wurden, über
Abgründe, durch einen unpassierbaren, Malaria und Tod bringenden
Sumpf, um der Armee eines gefürchteten Generals nicht in die
Hände zu fallen. Als Jaksch, stets ans Lenkrad gefesselt, den
anderen Kindern zur Flucht verhilft, ohne dass sie ihn befreien,
sind er und die sich immer mehr zudröhnende Sheela allein.
So werden sie, zunächst nur notgedrungen und voller gegenseitigem
Misstrauen, Partner im Versuch, irgendwie diese Hölle zu überleben.
Sheela erzählt, wie sie Kindersoldatin geworden ist bei „Papa
Doc“. Und auch wenn sie, die Erzählungen über alles
liebt, nicht weiter spricht, ahnt der so abgebrühte, schlitzohrige
Albert Jaksch aus Gera, der es bis jetzt lustig fand, Einheimische
„Kohlensäcke“ zu nennen, dass und wie die Eltern
von Sheela, die in Wahrheit Pheebe hieß, „die in der
Wildnis geborene“, ums Leben gekommen sind. Und wozu „Papa
Doc“ sie dabei gezwungen hat, um sie ein für alle mal
zu einer Söldnerin zu machen, der nichts mehr zu grausam ist.
Es ist eine der ganz großen Freundschaftsgeschichten –
und sogar das Wagnis des Beginnens einer zarten unrealisierten,
weil unrealisierbaren Liebesgeschichte, die hier erzählt werden
– ausgehend von den extremsten Gegensätzen, nicht nur
der Herkunft und des Alters, auch der vertauschten Lebenserfahrungen
und -enttäuschungen. Des Klammerns an Geisterglaube oder an
ein imaginäres Zuhause, das auf einmal ganz weit weg ist. Für
uns alle in der Jury war es atemberaubend zu lesen, wie hier eine
Figur, ein durchschnittlicher, ziemlich gegenwärtiger und gedankenloser
Deutscher durch die Begegnung mit existentieller Bedrohung in der
Fremde und dem persönlichen Leid einer brutal und verzweifelt
gegen ihre Gebrochenheit anstrampelnden Geiselnehmerin zu, man muss
es sagen, heldenhafter Größe wächst.
Dieses Drehbuch ist reinstes Kino. Wenn Jaksch, endlich am Ziel
angekommen, aber nur die eigene Haut und sonst gar nichts gerettet,
Sheela das letzte Mal die Fußnägel lackiert, während
Wasser und Medikamente unter Freudenschreien im Lager verteilt werden,
dann hat er stellvertretend für uns nicht nur ein existenzielles
und moralisches Extrem-Abenteuer bestanden, bei dem sich Episches
und Dramatisches absolut zwingend verbinden, ohne eine Spur von
Rührseligkeit oder romantisierende Naturschwelgerei. Dieser
Albert Jaksch hat dann für uns eine Tiefe der menschlichen
Erfahrungen durchschritten , die fähig macht zu trauern um
einen geliebten Menschen , die Bedeutung des eigenen Lebens zu erkennen
und zu schätzen, Einsicht in die eigenen Grenzen gibt –
und daraus die Kraft zur Veränderung. Das Wachsen dieser beiden
Figuren aneinander ist es, das für den Kinozuschauer aus tiefer
Hoffnungslosigkeit eine Spur einer Hoffnung erwachsen lässt.
Die Jury freut sich außerordentlich und ohne jede Einschränkung,
dass der deutsche Drehbuchpreis 2007 an dieses herausragende Drehbuch
geht. Sie gratuliert mit größtem Respekt dem Preisträger,
ebenso wie seinen dramaturgischen Musen und Mitstreitern, für
diese packende, beispielgebende Leistung. Seien wir gespannt auf
einen großen Film, der die Zuschauer berühren wird.
12. November 2007
Laudatio von den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur
und Medien zum Anlass der Verleihung des Deutschen Drehbuchpreises
2007
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