links
   
   
 
   
 
   
 

Im Rahmen des fünfzehnjährigen Jubiläums wurde der erste Kurzgeschichtenband „Mein Herz in fremdem Land“ vorgestellt. Zu diesem Anlass schrieben 19 junge Drehbuchautoren und Regisseure 21 Geschichten zum selbst gewählten Thema „Demütigung“.

Da gibt es Heike, die in einem Möbelmarkt jobbt, nur für die eine große, alles überwältigende Liebe lebt und als einzigen Verbündeten ein skurriles Pony findet. – Es gibt die namenlose junge Frau, die sich im endlosen Kreislauf einer Psychose befindet, aus der selbst der Tod keine Erlösung bietet. –

Dr. Christoph – E. Palmer, Mdl, Minister a.D., Vorsitzender des Aufsichtsrates der Filmakademie
Baden-Württemberg schrieb folgendes dazu:

Es ist hochinteressant, wie diese Generation ihr selbst gewähltes Thema interpretiert, nämlich nicht in erster Linie sozial, sondern privat. In der Kindheit, in der ersten großen Liebe, im höchst privaten Gefühlsbereich finden die Demütigungen statt, an die sich die Studenten und Absolventen mit großer Sensibilität aber auch Humor erinnern. Sie wissen bereits erstaunlich viel vom Leben. Sie suchen die Zwischentöne, nicht den billigen Effekt. Einige haben den Mut, tief in die Abgründe ihrer Figuren hinabzublicken. Andere erzählen scheinbar kleine Alltäglichkeiten, die sich zu einem vielschichtigen Bild zusammenfügen. Und über allen Geschichten liegt trotz erheblicher formaler und inhaltlicher Unterschiede die Sehnsucht nach dem einen großen, überwältigenden Gefühl.

Kurzfilm:
„Film meets prosa“

Aber warum sollen Filmstudenten Prosa schreiben?
Dazu der Leiter der Drehbuchabteilung der Filmakademie Baden-Württemberg:
Viele Drehbücher, die in den letzten Jahren geschrieben wurden, verfügen zwar über einen korrekten, dramaturgischen Aufbau und interessante formale Ideen, leiden aber an sterilen, langweiligen Figuren und funktionalen, einfallslosen Dialogen. Prosa bietet, anders als das Drehbuch, die Möglichkeit, direkt in die Gedankengänge und das Innenleben einer Figur einzutauchen, sie bis ins letzte Detail auszuleuchten. Dieses intensive Kennenlernen der Figuren wirkt sich positiv auf die Drehbucharbeit aus. Plötzlich entstehen spannendere intensivere Szenen, bessere Dialoge. Dies war überall dort zu beobachten, wo Kurzgeschichten von Studenten Basis für die weitere Drehbucharbeit wurden.

Prof. C. Fromm


Nach dem großen Erfolg des ersten Kurzgeschichtenbandes, der beim Filmjubiläumpublikum Ludwigsburg, der Fachpresse und der Filmszene auf großes Interesse gestoßen ist, erscheint zur Leipziger Buchmesse der zweite Band unter dem Thema Utopia.

Warum schreiben Drehbuchstudenten Prosa und was ist eine Utopie für sie?
Dazu der Student der Filmakademie und Drehbuchautor Sandro Lang:
Oftmals wird beim Drehbuchschreiben das, was man schreibt, von vorne herein durch die Machbarkeit beeinflusst. Beim Prosaschreiben hingegen muss man nicht an die Machbarkeit denken. Es ist prinzipiell alles möglich, was man sich vorstellen kann. Das Prosaschreiben hilft mir mich im Kopf nicht von der Machbarkeit einschränken zu lassen und auch immer wieder Vorschläge zu machen, die nicht auf den ersten Blick machbar erscheinen.

Eine Utopie ist das, was uns Menschen vorantreibt. Wie hätte Thomas Edison die Glühbirne erfinden können, wenn er nicht an das Utopische geglaubt hätte? Oder wären wir jemals auf den Gedanken gekommen, zum Mond zu fliegen oder ein U-Boot zu bauen, hätte Jules Verne nicht die Utopie davon gehabt? Utopien sind eine Möglichkeit, andere Menschen zu befruchten und ihnen die Möglichkeit für neue Ideen zu geben.

Sandro Lang



Studenten sprechen über ihre Utopien und die Herausforderung beim Prosaschreiben.

Was war mir am Thema Utopien besonders wichtig?
Die Frage, ob es sich feststellen lässt, wann es sich um eine Utopie oder eine Antiutopie handelt, liegt immer im Auge des Betrachters. Diese Frage ist Schwindel erregend, weil sie ganz schnell die Daseinsberechtigung der Menschheit in Zweifel zieht. Keiner weiß, ob sie Segen oder Epidemie ist.

Warum ist Prosaschreiben generell eine sinnvolle Bereicherung für die Filmarbeit?
Es ist eine willkommene Abwechslung, um das Spiel mit den Worten nicht zu verlernen. Beim szenischen Schreiben spielt die Zeit immer eine ganz entscheidende Rolle, die ich bei beim prosaischen Schreiben vollkommen außer Acht lassen kann. Hier ist das Bild dem Wort untergeordnet und nicht das Wort dem Bild.

Julia Kaiser

Prosaschreiben - Drehbuchschreiben

Im Gegensatz zum Drehbuchschreiben bietet das Prosaschreiben eine Freiheit, die keinerlei Regeln unterworfen ist. Sowohl die Ebenen der Zeit sind vollkommen frei wählbar und veränderbar als auch das Innerste der Figuren - ihre Wünsche, Träume und Gedanken können auf eine Art und Weise veräußert werden, wie es beim Drehbuchschreiben nicht möglich ist. Und dennoch ergänzen sich diese beiden Schreibarten ganz wunderbar: Die Nachvollziehbarkeit der Figuren - ihre Emotionen, Geheimnisse, die verborgendsten Sehnsüchte und tiefsten Verletzungen - all das, was beim Prosaschreiben so leicht beschreibend von der Hand geht, muss im Drehbuch auf möglichst ebenso eindringliche Art und Weise enthalten sein.

Carola Diekmann



Utopien, oder utopische Vorstellungen begleiten uns jeden einzelnen Tag unseres Lebens. Eine Utopie muss keine "Brave New World" sein. Aber sie ist stets verlockend, mächtig und oft trügerisch. Manche Menschen leben heutzutage in ihren eigenen, kleinen Utopien. Manche von ihnen nehmen schon die "reale" Welt um sich herum nicht mehr wahr, zu weit ist diese von dem entfernt, was sie sich wünschen. Andere lehnen sich strikt gegen jede Art eines "Utopia" auf. Sie verwurzeln sich in fester, feuchter Erde und tragen dort, mit dem Blick nach vorne ihre Knospen aus. Wieder andere führen blutige Kriege, töten Menschen, für oder gegen die einzelnen Ideen, die einer utopischen Vorstellung fast zwangsweise folgen. Utopien sind stets mächtig, aber wahr können sie trotzdem, so sehr man es sich auch wünscht, nie werden. Das ist das Mächtige an ihnen, und das ist der Platz, wo Geschichten geboren werden.

Das Geschenk und die Arbeit eines Autors ist es, mit utopischen Konstrukten umzugehen. Viele unserer Geschichten basieren gerade auf diesen irrealen, archetypischen, durchgedrehten Vorstellungen, auf utopischen Dingen.

Buch oder Film beschäftigen sich mit der entführenden Vorstellung einer perfekten Liebe, eines durchweg gut gelebten Lebens. Wir Autoren schreiben über die banale Idee von Gut und Böse, von Hass und Liebe, Schuld und Sühne. Wir schreiben über die Dinge, die alle Menschen ebenso verbinden wie die stetige Hoffnung auf eine bessere Welt.

Hendrik Schmitz



Oftmals denkt man beim Stichwort "Utopien" an Politik und große gesellschaftliche Entwürfe. Wenn aber das 20. Jahrhundert irgendetwas bewiesen hat, dann meiner Meinung nach, dass derlei Utopien allesamt zum Scheitern verurteilt sind. Es sind oftmals großartige Ideen, die dahinter stecken. Doch sie scheitern am Alltag und an der Natur des Menschen, der nun einmal nicht perfekt ist und auch nicht perfekt gemacht werden kann.

Ich habe mir deshalb die Frage gestellt, ob es daneben noch andere Utopien gibt. Mir ist nur eine eingefallen: die Liebe - die letzte Utopie, die noch echten Charme besitzt. Ich wollte deshalb die Geschichte eines Menschen erzählen, der an die unbedingte und erlösende Kraft der Liebe glaubt und deshalb zu Grunde geht, den Verstand verliert, als auch diese letzte Utopie an den Schwächen und Unzulänglichkeiten der Beteiligten zerbricht.

Als Drehbuchautor ist Prosaschreiben für mich wie ein großer Spielplatz. Ich kann mich einfach mal austoben und muss keine Rücksicht auf irgendwelche formalen oder filmischen Regeln nehmen, die das Schreiben eines Drehbuchs mit sich bringt. Ich kann hinabtauchen in wen oder was ich will, ich kann verweilen wo und wie lange ich will und ich kann springen, wann und wohin auch immer es mir passt. Das ist großartig.

Matthias Schmidt



„Eine überzeugende Figur trägt durch ihre kostbare Innenwelt in jedem Moment, den der Leser mit ihr verbringt, Wahrheit in sich. Sei es nun gleichzeitig, dass diese Figur oder auch die sie umgebende Welt etwas zutiefst Unwahres in sich birgt, so ist es die Aufgabe des Schreibers, den Grenzverlauf im Niemandsland zwischen diesen Welten abzuschreiten. Er muss zeigen, dass beide Welten ein und dieselbe Welt sind – denn das ganze Leben stellt sich dem Aufmerksamen als eine einzige wahrgewordene Utopie verschiedener Figuren dar.“

(Anton Cechov, Tagebuch 1901)


Die Grenzverläufe sind in der filmischen Wahrnehmung anders „befestigt“ als in der Literatur. Aber nur, wenn ich meine Sinne für diese Grenzen innerhalb eines Genres schärfe, kann ich Erkenntnisse für andere Disziplinen gewinnen. Und wer würde widersprechen, dass gerade der Film aus den Utopien der Filmemacher besteht?

Nicolai Klimm


Zur Entstehung des ersten Kurzgeschichtenbandes der Hochschule für Film und Fernsehen in München:

2009 ist der erste Kurzgeschichtenband Das Leuchten unter dem Eis der Hochschule für Film und Fernsehen München unter der Leitung der Regisseurin Doris Dörrie im Primero Verlag erschienen. Zum Thema Sehnsucht entwickelten Filmstudenten des Fachbereiches Drehbuch zehn ungewöhnliche Kurzgeschichten.


Das Leuchten unter dem Eis


Vorwort von Doris Dörrie

Den richtigen Boden, aus dem Geschichten wachsen können, trägt jeder von uns in sich, als einen riesigen Komposthaufen von gespeicherten Eindrücken: Selbst Erlebtes, Aufgeschnapptes, Gelesenes, Gesehenes, Vorgestelltes, Recherchiertes - all das schlummert in uns, lässt sich jedoch nicht einfach abrufen, sondern muss beharrlich und ausdauernd jeden Tag umgegraben werden. Umgraben ist schreiben. Je mehr man schreibt, umso mehr wird man merken, wie reich an Nährstoffen dieser Boden ist und was da alles wachsen kann. Aber das braucht Zeit, Geduld und Nerven. Wie jeder Garten. Versucht man diesen langsamen Wachstumsprozess zu überspringen, stellt man meist nur raschelndes Papier her, dem die Lebendigkeit fehlt. Der Leser oder Zuschauer merkt das sofort, er hat ein untrügliches Gespür dafür, ob etwas gewachsen oder nur behauptet ist. Also: Grabt euren Kompost um, lasst Sätze sprießen, Wörter blühen, Geschichten wachsen!

Hier ist ein erster Blumenstrauß. Viel Spaß beim Lesen!

Doris Dörrie

Wie ist der Kurzgeschichtenband entstanden, wovon handeln die Geschichten? Dazu Anmerkungen
von Drehbuchstudenten der HFF München.

Schreiben ist Skiurlaub machen und dabei in Kauf nehmen, von der Dame an der Rezeption jedes Mal befremdete Blicke zu ernten, wenn man sein Zimmer nur zum Essen, Trinken, Rauchen verlässt, als gefühlt einziger Mensch auf der Erde weder Skier noch Winterkleidung mit sich führt, dafür Badehosen, um sich von Guiness-Buch verdächtigen Waterbombs, die von beleibten Engländern in allen erdenklichen Stilen durchexerziert werden, aus dem kleinen Pool im Keller sprengen zu lassen, das Matterhorn wegen des dichten Nebels nur auf Postkarten zu sehen und schließlich doch die weitesten Reisen unternehmen zu können.

Michael Krummenacher



„Sehnsucht“ ist ein Schlagwort, das sofort Emotionen in einem auslöst. Dabei finde ich besonders den unendlichen Facettenreichtum seiner Bedeutung faszinierend. In der Geschichte „Weshalb durch Eduard Durst die Sonne hindurch scheint“ erzähle ich die selbstzerstörende Sehnsucht eines Menschen nach Zuneigung und Liebe. Dabei geht es mir um eine lakonische Darstellung, die jenseits von sensiblem Sprachgebrauch und intellektuellem Autorentum liegt. Die Quellen meiner Inspiration sind oftmals eigene Erfahrungen mit scheinbar vordergründigen Banalitäten, die bei näherer Betrachtung eine unglaubliche Poesie und Spannung beinhalten.

Markus Brandmair



Marie und ihr Vater sind zusammen gesegelt, als sie klein war. Irgendwann haben sie das nicht mehr getan, denn es gibt da etwas zwischen Vater und Tochter, dass Marie nicht vergessen kann. Jetzt ist er tot, und Marie erinnert sich an diesen Junitag vor vielen Jahren und das Meer und an ihn... Enno ist Jans bester Freund aus der Schulzeit. Enno ist sehr reich und früher war er der Partymacher. Jan hat Enno lange nicht gesehen und wollte es auch nicht. Aber es plagt ihn das schlechte Gewissen und es plagen ihn Erinnerungen an Enno. Jan fährt nach Ungarn, um seinen alten Freund zu besuchen. Vielleicht, um die alte Zeit noch einmal zu erleben, oder etwas gut zu machen.

Katharina Eyssen



Ein Außenseiter schafft es in dem Moment, in dem es am wichtigsten für ihn wäre, nicht, sich aus seiner Rolle zu befreien. Getrieben von der Angst, die wichtigste Chance seines Lebens verpasst zu haben, folgt er ab jetzt der Frau, die er nicht ansprechen konnte - und schafft es auch weiterhin nicht. Stattdessen bietet sich ihm eine neue Chance, die für ihn auf den ersten Blick angenehmer scheint.

Tristan Fiedler



Eine achtspurige Straßenkreuzung in Mexiko Stadt. Gabriel, der Bauarbeiter sackt auf dem lehmigen Hügel zusammen, den er seit Tagen aufgeschüttet hat. Die Hitze öffnet seine Poren, der Qualm der Auspuffe umweht die kleine Verkehrsinsel, auf die er sich, umzingelt von Blechlawinen, zurückgezogen hat. Diese paar mickrigen, verdreckten Quadratmeter sind sein Reich.

Bis Pablito, ein verwirrter Strichjunge, an das Ufer seiner Insel gespült wird.

Die Geschichte entstand während eines Aufenthaltes in Mexiko Stadt. Ich war eines der klimaanlagengekühlten Gesichter, die anonym hinter getöntem Glas auf das Grün der Ampel warteten. Ich sah, wie sich ein zerzauster Junge einem Arbeiter näherte. Dieser verteidigte seine Verkehrsinsel vehement mit seinem Spaten, und schlug den Gestrandeten in die Flucht. Ich empfand dieses abrupte Ende als äußerst unbefriedigend.

Friederich Oetker



32 Jahre Pünktlichkeit.
32 Jahre Verlässlichkeit.
32 Jahre Ehe.
Rona dürstete es nach Herbert noch bevor sie ihn kannte.
Doch was, wenn Herbert heute nicht nachhause kommt?
Schon seit dem Morgen hat Rona dieses Gefühl, dass sich heute ihr Leben verändern und Herbert sie verlassen könnte.
Das macht ihr Angst, denn sie ist nicht bereit loszulassen.
32 Jahre Selbstverständlichkeit.
Sie wollten sich doch gemeinsam unter dem Rosmarin begraben lassen.

Sarah Bräuer


Wie kommt es dazu, dass der Primero Verlag angefangen hatte Kurzgeschichtenbände zu verlegen?

Dazu die Verlegerin und Kinderbuchautorin Tina Lizius:

Durch Christoph Fromms Nähe zur Filmakademie wurde die Idee einen Kurzgeschichtenband zu entwickeln und herauszubringen an mich herangetragen. Es ist auf dem freien Markt schwer, als junger Autor einen Verlag für sich zu gewinnen und Kurzgeschichten sind dort die absolute Ausnahme. Aber ich denke, dass jede Zeit ihre Geschichten und Philosophen hervorbringt, die gehört und gelesen werden wollen. Deshalb ist es wichtig, jungen Autoren eine Chance zu geben, Prosa zu veröffentlichen. Von daher war ich von dem Projekt von Anfang an überzeugt. Wie heißt das schöne Sprichwort: Nur wer etwas wagt, kann auch gewinnen. Und wir haben etwas gewagt. Aus der Idee wurden inzwischen mehrere Kurzgeschichtenbände. Gute Ideen sprechen sich herum. Von daher freue ich mich sehr, dass wir jetzt auch die Hochschule für Film und Fernsehen in München für unsere Idee begeistern konnten.

   
   
   
  Impressum | AGB | Sitemap