Es versteht sich von selbst, dass jeder Mensch sogenannte weibliche und männliche Eigenschaften in sich trägt, die Frage ist nur, wie definieren wir heute männlich und weiblich?

Ist es wirklich noch zeitgemäß, Männern Attribute wie ehrgeizig, entschlossen, sachlich, furchtlos zuzuschreiben und Frauen auf Werte wie romantisch, feinfühlig, nachgiebig, verführerisch zu reduzieren? Ich glaube, nein, und dass wir diese Kategorisierung jetzt endgültig hinter uns haben ist auch ein Verdienst der me too Debatte.
Wenn wir aber bereit sind anzuerkennen, dass viele Frauen heutzutage sogenannte männliche Eigenschaften in sich tragen und Männer weibliche, führt das dann langfristig nicht zu einer Egalisierung beider Geschlechter? Gibt es dann nicht einfach nur noch Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsanteilen, von denen es herzlich wenig Sinn macht, sie in männlich und weiblich zu unterteilen?

Im 3. Jahrhundert vor Christus gab es kluge Menschen in der chinesischen Philosophie, die das Prinzip von Yin und Yang entdeckt haben.
Für Yin gibt es folgende Übersetzungen: Dunkel, weich, kalt, weiblich, passiv, Ruhe.
Für Yang: Hell, hart, heiß, männlich, aktiv, Bewegung.
Wichtig ist, dass Yin und Yang rein gar nichts mit westlichen Gegensatzpaaren wie gut und böse oder stark und schwach zu tun haben. Natürlich wäre es viel zu kurz gegriffen, Yin mit weiblich und Yang mit männlich zu übersetzen. Eher macht Sinn, Yin als Ruhe und Yang als Bewegung zu definieren, die abwechselnd aus dem Urprinzip des Seins entstehen und sich gegenseitig bedingen. Yin ist nicht ohne Yang denkbar.
Unsere westliche Philosophie hat sowohl das apollinische (formgebende) als auch das dionysische (unbewusste, chtonische) Prinzip erfunden, die sich nicht unbedingt gegenseitig bedingen müssen, aber von zahlreichen Autor/innen mit männlich (apollinisch) und weiblich (chtonisch, dionysisch) gleichgesetzt werden, was ich für problematisch halte, weil es eindrucksvoll belegt, dass unsere westliche Kultur bereits früh bewertet hat, wo man besser nur beschreiben sollte.

Eine gewisse Gefahr der aktuellen Entwicklung besteht darin, dass Frauen einfach werden wie Männer, um die Männer mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Das funktioniert zwar in vielen Fällen ziemlich gut, ist aber eine gefährliche Falle: Alles, was wertvoll am Frausein ist, definieren wir es jetzt mal als: friedfertig, kompromissbereit, ausgleichend, bliebe dabei auf der Strecke. Eine typisch weibliche Art zu... „herrschen" wäre bereits das falsche, patriarchalische Wort...zu regieren, zu gestalten, gibt es bisher, zumindest im großen Rahmen nicht. Alle Frauen, die in der Geschichte bisher zu Macht gelangt sind, waren Teil des patriarchalischen Systems und haben, von Nuancen abgesehen, mit patriarchalischen Methoden geherrscht. Eine typisch weibliche Art zu regieren, definieren wir sie im Optimalfall als: klug, wandlungsfähig, sozial gerecht, demokratisch, im Einklang mit der Natur, verlangt nach einem anderen Bewusstsein, bei beiden Geschlechtern, und könnte sich nur über den Zeitraum von Generationen entwickeln.
Das aber führt zur entscheidenden Frage: Könnte so eine Gesellschaft gegen das machtoptimierte Patriarchat, gegen einen möglichst effizient gestalteten Kapitalismus, bestehen? Auch im Fall von Krieg? Wenn man den Niedergang früherer Kulturen (z.B. der Indianer Nordamerikas) studiert, muss man skeptisch sein. Das heißt aber nicht, dass wir nicht den Mut aufbringen sollten, in Richtung dieser Utopie aufzubrechen, vernünftig, die Realität nie aus den Augen verlierend. Denn das jetzige patriarchalisch/kapitalistische System ist nicht nur auf Unterdrückung und Ausbeutung, sondern auch auf Selbstzerstörung ausgerichtet. Ich fürchte nur, dass uns angesichts der real drohenden Umweltkatstrophen für ein solches Experiment nicht mehr allzu viel Zeit bleibt.

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