In zahlreichen Diskussionen ist man sich schnell einig: Trump ist ein narzisstischer Milliardär, ein böser Ausrutscher der amerikanischen Politik, ein rücksichtsloser, ordinärer Egomane. Stimmt alles. Aber stimmt auch, dass er damit ganz weit weg von uns ist, seinen Kritikern?

Müssen wir uns nicht eingestehen, dass Trump ein Kind unserer Zeit ist, und dass uns viel mehr mit ihm verbindet als wir wahrhaben wollen? Spüren nicht auch wir in uns die Lust an der Provokation, ertappen nicht auch wir uns beim selbstverständlichen Lügen auf Facebook und Twitter, und geht es bei Tinder wirklich um etwas anderes als schnellstmögliche Triebbefriedigung mit oder ohne „yellow shower"?
Mal ehrlich, wer von uns hat wann das letzte Mal ein Buch mit längeren Sätzen und komplexen Inhalten gelesen, wer von uns hat in den letzten Jahren überhaupt etwas gelesen, außer den Überschriften in Onlineartikeln? Und haben nicht viele von uns nach wenigen Minuten eine gewisse Lustlosigkeit verspürt und sich ins flache Universum leichtbekleideter Figuren geklickt?
Wir alle sind längst „Kinder der Medien", wir tun alles, um im Rampenlicht zu stehen und von einem völlig abstrakten Publikum geliebt zu werden. Diese Art von nebulöser Bewunderung bedeutet uns mehr als uns ernsthaft auf einen anderen Menschen einzulassen. Wir gieren nach Erfolg und bemerken nicht, dass die innere Leere, die wir damit krampfhaft zu verdecken suchen, durch eben diese Gier entstanden ist.
Unsere innigste emotionale Beziehung besteht nicht zu realen Menschen, sondern zu abstrakten Begriffen wie medialer Anerkennung oder Geld.
Auch wenn er sich höchstwahrscheinlich dessen nicht bewusst ist: Trump hält uns mit seiner Selbstinszenierung, seinem ständigen Posing den hässlichen Spiegel vor.
Ein perverser Politclown, der uns mit seiner Schmierenserie seit seiner Machtergreifung bei Laune hält, mit der er mühelos die Einschaltquoten aller Fiktionprogramme toppt. Wir sind entsetzt, aber nicht wenige von uns genießen es, weil wir die klammheimliche Verwandtschaft spüren.
Nicht umsonst wird Trumps Handeln häufig mit einem Drehbuch verglichen, das, glaubt man den Insidern, zunächst von Steve Bannon geschrieben wurde und nach dessen Rauschmiss, so muss man befürchten, in zunehmendem Maße von dem größenwahnsinnigen Gaukler selbst verfasst wird.
Es stellt sich die unangenehme Frage: Wie kaputt und dekadent muss eine Gesellschaft sein, in der man mit derartigem Dilettantismus Erfolg haben kann?
Trumps Drehbuch, wer immer es auch gerade schreibt, unterscheidet sich nicht grundlegend vom Niedergang der westlich/kapitalistischen Gesellschaft insgesamt, die seit ca zwanzig Jahren dem folgenden unheilvollen Skript huldigt: Zu Beginn wurden die ästhetischen Kriterien zertrümmert, es folgten die wirtschaftlichen und gekrönt wird das Ganze jetzt mit einer Zerstörung unserer politischen Kultur.

Seit Beginn der Nullerjahre ist es möglich, selbst das missglückteste Werk zur Kunst umdeuten zu lassen. Es kommt nicht mehr auf Inhalte, sondern nur noch auf die Vermarktung von sogenanntem Content an, in dem sich meistens sehr wenig Inhalt verbirgt. Figuren und Szenen werden möglichst holzschnittartig gehalten, Hauptsache, „geile Bilder", die sich in immer kürzeren Zeitabständen auf allen Kanälen wiederholen. Und auch in der Literatur gilt: Je kürzer die Sätze, umso gefeierter der Schriftsteller.
Das alles wäre noch relativ harmlos, hätte es nicht unweigerlich zu einem völligen Realitätsverlust im wirtschaftlichen Bereich geführt. Abgekoppelt von allen realen Gegenwerten rauschen täglich viele Billionen Geldkapital – häufig nur noch digital behauptet - als reines Wett- und Casinogeklimper rund um den Globus, und es wird nicht mehr lange dauern, bis keine zusätzliche Zeit mehr gekauft werden kann und es eine gigantische Geldentwertung aller Währungen geben wird, falls wir uns nicht vorher in Verteilungskriege über die restlichen Ressourcen flüchten.
Steve Bannon hat das in einem zynischen Kommentar mit dem Satz umrissen: „Es muss endlich alles auf null gestellt werden."
Da ist es nur logisch, dass sich im Augenblick unsere Zerstörungswut darauf richtet, unsere Demokratien nachhaltig zu zertrümmern. Wie unartige, verwöhnte Kinder sitzen wir in einem Meer von elektronischem Spielzeug, streamen uns mit Serien ins Koma und sehen tatenlos dabei zu, wie ganz Osteuropa unsere demokratischen Werte verhöhnt, wohl wissend, dass wir zu gierig sind, um auf diesen lukrativen Markt zu verzichten und unsere EU-Partner rauszuschmeißen.
Aber man muss ja gar nicht über die eigene Grenze schauen: Dass in einigen neuen Bundesländern die AFD mittlerweile die stärkste Partei stellt, kann man nur noch als Schande bezeichnen. Dafür gibt es sicher Gründe, aber keine Entschuldigung.

Wir stehen am Rande des Abgrunds, aber wir realisieren es nicht. Wir betrachten die reale Welt und die billigen Inszenierungen eines Donald Trump mit demselben distanzierten Schauer, mit dem wir uns eine der vielen schlechten Serien reinziehen. Wir werden den fundamentalen Unterschied zwischen Trumps Inszenierung und einer fiktionalen Politserie erst begreifen, wenn wir ganz real hungern, bluten, sterben.

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