Die Schneekönigin

Frei nach Hans Christian Andersen

„Das musst du dir anhören, Enno! Und du auch, Kira! Meine Freundin Gerda hat mir mal eine Wahnsinnsgeschichte erzählt“. Genüsslich lässt sich Gottfried tiefer in seine Regenwurmluftmatratze sinken, den Schnabel voller sahniger Regenwürmer, während Kira sich an seine Seite kuschelt. Enno, der sich gerade in einen Sessel plumpsen hat lassen, blickt gespannt zu seinem Freund. „Gerda ist die nette alte Dame, die mir vor ein paar Jahren meine rote Weihnachtsmütze gestrickt hat, als ich auf Regenwurmsuche in Dänemark war. “ Die beiden nicken. „Wisst ihr in Dänemark ist es viel kälter als bei uns und die haben auch viel mehr Schnee als wir.  Hohoho, ich schalte jetzt um in meinen Märchenerzählmodus. Aufgepasst!“

Enno und Kira blicken ihren Raben gespannt an. Gottfried holt tief Luft:

Vor vielen, vielen Jahren, als Gerda selbst noch ein kleines Mädchen war, gab es einen tosenden Schneesturm. Sie und ihr kleiner Bruder Kay saßen, wie wir jetzt, mit ihrer Großmutter vor dem Kaminfeuer und erzählten sich Geschichten.

Eine davon handelt von einer mächtigen Schneekönigin, die, wohin sie auch reist, Eis und Frost verbreitet. Gerda hört der Großmutter aufmerksam zu, sowie du jetzt, Kira“ meint Gottfried und lächelt Ennos kleiner Schwester zu, die glücklich lächelnd in seinem Flügel liegt, „doch Kay war genauso gefräßig und abgelenkt wie du, Enno“, sagt der Turborabe zu seinem Freund, der bei diesem Hinweis kurz aufhört, Plätzchen zu mampfen, „Kay hat beim Plätzchen futtern die ganze Zeit dem Schneetreiben vor dem Fenster zugeschaut.“

„Gerade als die Geschichte der Großmutter zu Ende geht, springt er wie vom Blitz getroffen von seinem Sitz auf. Er hat zwischen den rasend tanzenden Schneeflocken eine weiße Gestalt gesehen. Fasziniert stürmt er trotz der warnenden Zurufe seiner Schwester und Großmutter nach draußen. Dort, im Herzen des Sturms, steht eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen, den Blick zum Boden gesenkt. Kay weiß sofort, wem er gegenübersteht Zu den Füßen der Königin entdeckt er zwei mysteriöse Spiegelscherben im Schnee. Er hebt sie auf – und wird sofort von der kalten Magie der Schneekönigin erfasst. Er fühlt nur noch Kälte und Wut, für alles und Jeden, den er bisher gekannt hat. Kay ist so tief verzaubert, dass er seinen kleinen Schlitten an den großen Schlitten der Schneekönigin hängt und sie in den hohen Norden begleitet.

Die Stadtbewohner glauben alle, Kay sei im Schneegestöber von einer Lawine überrollt worden und hören nach einigen Tagen auf, nach ihm zu suchen. Nur Gerda kann nicht glauben, dass ihr geliebter Bruder einfach so verschwunden ist. Das mutige Mädchen beschließt, sich auf die Suche nach ihm zu machen.

„Ich würde auch nach Enno suchen“, sagt Kira.

„Und ich nach dir“, sagt Enno.

„Genau“, sagt Gottfried. „Weil ihr euch auch so lieb habt wie Kay und Gerda.“

Dann erzählt er weiter: Gerdas Weg ist lang und beschwerlich. Erst trifft sie auf eine Zauberin, die sie kurz die Zeit vergessen lässt. Danach verirrt sie sich im schneebedeckten Wald, wo ihr ein mutiger, talentierter Turborabe den Weg zeigt.“ Enno und Kira kichern, Gottfried blickt sie sehr selbstbewusst an: „Enno hab ich ja schließlich auch gerettet, mit seinem Schwimmring, mitten auf dem Meer.“

Das stimmt natürlich, aber die Geschichte kennen Enno und Kira bereits. Sie wollen weiter die Geschichte von der Schneekönigin hören.

Gottfried hätte natürlich lieber die Geschichte weitererzählt, bei der er die Hauptfigur ist, aber schließlich erzählt er die Geschichte mit der Schneekönigin zu Ende: „Schließlich wird sie sogar von Räubern überfallen und gefangen genommen. Doch mit Hilfe eines kleinen Räubermädchens und ihres Rentiers Bä schafft Gerda es, ihre Reise weiter fortzusetzen.

Lange wandern Gerda und ihr Rentier Bä durch ein Land, in dem es nur Schnee gibt, soweit das Auge reicht. Im ewigen Eis, bei Spitzbergen liegt das Schloss der Schneekönigin. Im Herzen dieser unendlichen Einsamkeit und Weite erstreckt sich ein zugefrorener See, der von einer Decke aus zerbrochenen  Eisschollen bedeckt ist. Seit Tagen haben Bä und Gerda kein Lebewesen mehr zu Gesicht bekommen. Doch plötzlich, auf der anderen Seite des Sees, entdeckt Gerda eine kleine Gestalt am Ufer. Es ist Kay! Er hat von der Schneekönigin den Auftrag bekommen, die Eisschollen wieder zusammenzufügen. Freudig lachend fällt Gerda ihrem geliebten Bruder um den Hals, doch er steht nur stocksteif und perplex auf der Stelle. Er erkennt sie nicht wieder! Vor Verzweiflung und Erschöpfung bricht Gerda in Tränen aus. Und als ihre warme Träne die kalte Haut von Kay berührt, passiert das Unglaubliche! Das Eis, das die Schneekönigin um Kays Herz gelegt hat, schmilzt und er kann endlich wieder fühlen. Auch Kay beginnt zu weinen, als er seine Schwester wiedererkennt, und nimmt sie in den Arm. Gemeinsam mit Bä wandern sie zurück in ihre Heimatstadt, wo sie mit einem freudigen Festmahl von der ganzen Stadt empfangen werden. Und zum Nachtisch gibt es Ameisen mit Zuckerguss und Regenwürmer mit Sahne“.

„Das hast du jetzt aber erfunden, Gottfried,“ meint Kira und stupst Gottfried sanft mit dem Zeigefinger an. „An Weihnachten muss man immer eine Geschichte erfinden,“ sagt ihr Turborabe und deutet aus dem Fenster, wo gerade ein paar vereinzelte Schneeflocken vom Himmel fallen. „Sonst ist es kein richtiges Weihnachten.“