Finja Skadi Vollbrecht & Christoph Fromm: Gottfried, der Turborabe. Ennos gefährliche Reise. Primero 2017 ˙ 76 S ˙ 12.90 ˙ ab 7 ˙ 978-3-9818454-2-6

Ein sehr schön und hochwertig ausgestattetes Buch (mit Lesebändchen!), das seinen Preis in jeder Hinsicht wert ist. Zum Vorlesen eignet es sich etwa ab 5 Jahre, aber man muss es in kleine Portionen teilen und mit den Kindern darüber sprechen.

Außerdem sollten sie beim zuhören die vielen bunten und oftmals großflächigen Illustrationen von Finja Skadi Vollbrecht mitanschauen können, denn Mimik und Gestik verraten viel von dem, was Christoph Fromm nicht in Worte fassen wollte oder konnte: Das Thema ist so groß, dass man junge Kinder leicht damit überfordern könnte. Dass ist hier aber keineswegs der Fall, die Geschichte kommt wie ein großes Abenteuer daher, ist spannend und aufregend, was sich auch in den farbenfrohen Bildern wiederspiegelt.


Ich bin Gottfried, der einzige Rabe auf der ganzen Welt, der einen Turbodüsenmmotor hat.
Und als Turborabe kann ich viel schneller und besser fliegen als alle anderen. Eigentlich
wollte ich nur Urlaub machen. Aber dann war mein Motor kaputt und ich habe Enno
getroffen, mitten auf dem Meer ...

Und der freche, vorlaute Rabe vermittelt das ernste Thema auf ideale und oftmals sogar lustige Weise an Kinder. Enno trifft er also, einen kleinen dunkelhäutigen Jungen, der, an einen Rettungsring geklammert, auf dem offenen Meer treibt. Was für ein Glück, dass gerade als Gottfried übers Meer düst, sein Motor plötzlich nicht mal mehr Puff macht, sondern einfach ausgeht und ihn zur Landung auf dem Meer zwingt. Komisch, denkt Gottfried. Ein Boot wäre doch viel praktischer gewesen als so ein trudelnder Rettungsring! Aber dann erzählte ihm Enno, der Junge, dass er mit Mama und Papa und der kleinen Schwester auf einem Boot, dass im Sturm kenterte – und dass er keinen danach mehr gesehen hat. Das wird nur so erwähnt, nicht ausgebreitet, aber es setzt sich doch in den Köpfen der Kinder fest.


Immerhin kann Enno sogar Gottfrieds Motor reparieren, und nach einem Blitzstart rasen die beiden auf den Strand zu. Da geht es ihnen gut, und sie spielen und ruhen sich aus, bis – ja, bis plötzlich Polizisten da sind und finden, dass ein kleiner Junge nicht allein da sein kann. „Mitkommen", heißt es, und dann finden sich die beiden von den nicht sehr einfühlsamen Polizisten in ein Flüchtlingsheim gebracht, wo sie mit vielen anderen zusammen sein und sich in einer langen Schlange für das Essen anstellen müssen. Aber Gottfried wäre nicht Gottfried, wenn er nicht mit aberwitzigen Ideen einen Ausweg fände. Schließlich müssen die beiden ja Ennos Familie wiederfinden „Aber das ist eine neue Geschichte ..."


Mit sehr viel Humor und Abenteuer werden Kinder an das schwierige Thema der Flucht herangeführt, mit dem sie sich heute schon im Kindergarten auseinandersetzen müssen. Die ungleiche Freundschaft zwischen Gottfried und Enno ist leicht zu verstehen und umzusetzen, wenn man fremd aussehende Kinder in der Gruppe oder Klasse hat, und wie sich die beiden immer aufeinander verlassen und füreinander da sind, ist – ohne das Wort zu erwähnen – ein schönes, einfaches Beispiel für Integration und Zusammenführung.


Ab dem Ende des zweiten Schuljahres sollten Kinder in der Lage sein, das Buch selbst zu lesen, auch wenn sie vielleicht bei Wörtern wie „Kunstflugakrobaten" oder „Regenwurmmixer" ein bisschen Hilfe. Der lange Text erfordert ein geschicktes Einteilen, die abenteuerliche Spannung wird den jungen Leser aber ohnehin antreiben zum Weiterlesen.

Ein nachdenklich stimmiges Buch mit einer klaren Botschaft! [astrid van nahl]

 

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