Rezensionen zu

"Das Leuchten unter dem Eis "

Doris Dörrie:

„[…] Den richtigen Boden, aus dem Geschichten wachsen können, trägt jeder von uns in sich, als einen riesigen Komposthaufen von gespeicherten Eindrücken: Selbst Erlebtes, Aufgeschnapptes, Gelesenes, Gesehenes, Vorgestelltes, Recherchiertes - all das schlummert in uns, lässt sich jedoch nicht einfach abrufen, sondern muss beharrlich und ausdauernd jeden Tag umgegraben werden. Umgraben ist schreiben. Je mehr man schreibt, um so mehr wird man merken, wie reich an Nährstoffen dieser Boden ist und was da alles wachsen kann. Aber das braucht Zeit, Geduld und Nerven. Wie jeder Garten. Versucht man diesen langsamen Wachstumsprozess zu überspringen, stellt man meist nur raschelndes Papier her, dem die Lebendigkeit fehlt. Der Leser oder Zuschauer merkt das sofort, er hat ein untrügliches Gespür dafür, ob etwas gewachsen oder nur behauptet ist. Also: Grabt euren Kompost um, lasst Sätze sprießen, Wörter blühen, Geschichten wachsen! Hier ist ein erster Blumenstrauß. Viel Spaß beim Lesen!“ Aus dem Vorwort des Bandes.
 

 
Almut Siefert, Süddeutschen Zeitung:

„Kann man Schreiben lernen? „Ja, man kann“, sagt Doris Dörrie. Zumindest das Handwerk. Deshalb hat sie vor nunmehr zwölf Jahren an der Hochschule für Fernsehen und Film in München den Lehrstuhl „Creative Writing“ gegründet. […] Sarah Bräuer ist Studentin an der Hochschule. Die 32-jährige ist begeistert von Dörries Lehrangebot, empfand die Seminare befreiend und die Übungen effizient. Michael Krummenacher, 24, fand die vielen Tipps hilfreich, die innere Blockade zu überwinden. Bräuer und Krummenacher gehören zu den acht Studenten, deren Kurzgeschichten vor eineinhalb Jahren vom Primero Verlag ausgewählt wurden und nun in dem Buch – dem ersten der Hochschule – „Das Leuchten unter dem Eis“ veröffentlicht werden. Zu ihren Geschichten inspirieren ließen sich die Studenten auf Exkursionen nach Jerusalem und Transsilvanien. Der ursprüngliche Arbeitstitel lautete „Durst“, was von den Studenten sehr unterschiedlich interpretiert wurde. Bräuer beispielsweise schreibt in „Immer pünktlich“ über Rona, eine Frau, die sich so stark in ihre Eheprobleme hereinsteigert, dass sich ihr Gefühl für Zeit und Realität völlig verändert. „Bei ihr passiert alles in ihrem Kopf. Rona in Zaum zu halten und dazu zu bringen, in Bildern zu erzählen, war zwischendurch unheimlich schwierig“, sagt Bräuer. Es ist ihr gelungen.“ Süddeutsche Zeitung vom 26. Juni 2009

 

Statements der Autoren
 


Friederich Oetker: Die Insel

„Die Geschichte entstand während eines Aufenthaltes in Mexiko Stadt. Ich war eines der klimaanlagengekühlten Gesichter, die anonym hinter getöntem Glas auf das  Grün der Ampel warteten. Ich sah, wie sich ein zerzauster Junge einem Arbeiter näherte. Dieser verteidigte seine Verkehrsinsel vehement mit seinem Spaten, und schlug den Gestrandeten in die Flucht. Ich empfand dieses abrupte Ende als äußerst unbefriedigend.“
 


Michael Krummenacher: Herr Heinzer, der Zyklopentrick und das Matterhornwunder

„Schreiben ist Skiurlaub machen und dabei in Kauf nehmen, von der Dame an der Rezeption jedes Mal befremdete Blicke zu ernten, wenn man sein Zimmer nur zum Essen, Trinken, Rauchen verlässt, als gefühlt einziger Mensch auf der Erde weder Skier noch Winterkleidung mit sich führt, dafür Badehosen, um sich von GuinessBuch-verdächtigen Waterbombs, die von beleibten Engländern in allen erdenklichen Stilen durchexerziert werden, aus dem kleinen Pool im Keller sprengen zu lassen, das Matterhorn wegen des dichten Nebels nur auf Postkarten zu sehen und schließlich doch die weitesten Reisen unternehmen zu können.“
 


Katharina Eyssen: Die Zeit, die fehlt

„Enno ist Jans bester Freund aus der Schulzeit. Enno ist sehr reich und früher war er der Partymacher. Jan hat Enno lange nicht gesehen und wollte es auch nicht. Aber es plagt ihn das schlechte Gewissen und es plagen ihn Erinnerungen an Enno. Jan fährt nach Ungarn, um seinen alten Freund zu besuchen. Vielleicht, um die alte zeit noch einmal zu erleben, oder etwas gut zu machen.“
 


Tristan Fiedler: Der fremde Gast

„Ein Außenseiter schafft es in dem Moment, in dem es am wichtigsten für ihn wäre, nicht, sich aus seiner Rolle zu befreien. Getrieben von der Angst, die wichtigste Chance seines Lebens verpasst zu haben, folgt er ab jetzt der Frau, die er nicht ansprechen konnte - und schafft es auch weiterhin nicht. Stattdessen bietet sich ihm eine neue Chance, die für ihn auf den ersten Blick angenehmer scheint.“