Das Albtraumschiff - Odyssee eines Drehbuchautors

Eine Satire von Christoph Fromm

Mad Max Grohl hat es nicht leicht. Das Schwergewicht unter Deutschlands Drehbuchautoren ist einfach zu gut für seinen Job, wie ihm der geniale Suffproduzent Hans Held immer wieder versichert.

Aber Helds Chef, der souveräne Strippenzieher innerhalb der deut-schen Fernsehlandschaft, Konni Roth-Ricart, findet selbst für den von Selbstzweifeln, Intrigen und zahllosen Umschrieben geplagten Grohl eine Lösung um doch noch den Traum eines jeden Drehbuchautoren in Erfüllung gehen zu lassen: Einmal im Leben anerkannt und geliebt zu werden!

Mit beinahe 40 Jahren Berufserfahrung weiß Drehbuchautor Chris-toph Fromm, über was er schreibt. Ganz bewusst überzeichnet er in dieser Satire die Höhen und Tiefen seines Berufsstandes und benennt auf amüsante Weise sehr genau die Schwierigkeiten, die das deutsche Fernsehsystem für Drehbuchautoren bereithält.

Viel zu viele reden mit und viel zu wenige verstehen etwas von Fi-guren, Geschichten, und vor allem:  Vom Leben.

Wie im fiktionalen Fernsehen mit recherchiertem Material umge-gangen wird ist ein absolutes Highlight für jeden engagierten Autoren. Es gibt immer mehr Redakteure, die ganz offen ihre er-fundene Fernsehwelt als Lehrmeister für eine immer mehr aus dem Ruder laufende Gesellschaft propagieren, und tatsächlich: Eine von kleinbürgerlichen Moralvorstellungen durchdrungene Programmlandschaft hat längst ihren tiefen Fußabdruck in der deutschen Realität hinterlassen. Gebessert hat sich dadurch nichts.

Mut gibt es keinen und am traurigsten ist, wenn man zusehen muss, wie politische Stoffe hemmungslos entpolitisiert und emo-tionalisiert werden.

Die Autoren werden in den Mühlen der Fernsehredaktionen zer-mahlen. Rechte haben sie nach Vertragsunterschrift keine. Man kann alles mit ihren Büchern machen, vorzugsweise wirft man sie größenwahnsinnigen Regisseuren in den Rachen, die mit soge-nannten Regiefassungen die Bücher um den letzten Rest Qualität und die Autoren um dringend benötigtes Geld bringen.

Wer Widerspruch wagt oder nicht im Sinne der Geldgeber funk-tioniert, wird rücksichtslos ersetzt. Es geht im deutschen Fern-sehbetrieb um Einschaltquoten, um Karrieren und Intrigen. Um eines geht es nie: Die Qualität der Bücher.

Leseprobe

Kapitel 1

Irgendwann nach den Nullerjahren. Die deutsche Fernsehwelt war noch in Ordnung, mehr oder weniger. Irgendwo vor Acapulco…

 

Ein strahlend weißes Kreuzfahrtschiff gleitet durch die märchen-blaue See. Delphine umrunden es und wachen, gemeinsam mit sorgfältig geschultem Personal, über das Wohl seiner Passagiere. Goldbeknöpfte Stewards reichen kalorienarme Häppchen und ein Heer von Dienstleisterinnen offeriert Wohlfühl- und Verschöne-rungsmaßnahmen aller Art. Auf der Kommandobrücke sorgt ein graubärtiger, vitaler Kapitän mit markanten Augenfalten samt seinen von Verantwortungsbewusstsein strotzenden Offizieren für eine störungsfreie Idylle.  

Dringend bedarf die wertvolle Fracht nachhaltiger Regeneration. Alles, was Rang und Namen im deutschen Fernsehbetrieb hat, tummelt sich nach einem weiteren höchst anstrengenden und erfolgreichen Jahr auf den frisch polierten Planken. Selbstver-ständlich macht man nicht einfach Urlaub, sondern pflegt Kon-takte, spinnt Netzwerke und entwickelt gemeinsame Visionen. Die Chefredakteurin sonnt sich in einem orientalischen Gewand auf dem Achterdeck und befindet sich im unverbindlichen Plausch mit dem Fernsehspielchef über das Potenzial einer neuen Serie zum Thema Wiedervereinigung. Rasch ist man sich einig: Dieses wichtige, epochale Jahrhundertereignis könne gar nicht oft genug erzählt, die Segnungen der gesamtdeutschen Demokratie im Gegensatz zum menschenverachtenden Arbeiter- und Bauernstaat müssten der Bevölkerung immer wieder eindringlich nahegebracht werden. Natürlich müsse es kritisch sein, authentisch, aber selbstredend müsse man auch emotional andocken können. Die Anker in die Herzen der Zuschauer werfen!

Die vielversprechende junge Autorin, die diversen Redaktionen bei ihren zahlreichen, authentischen Krankenhausserien bereits wert-volle Dienste geleistet hat, schaltet sich ein. So etwas würde sie gerne schreiben und mit starken Frauenfiguren kenne sie sich hervorragend aus.

Aus der spiegelglatten See taucht ein Sehrohr auf und richtet sein kaltes Auge direkt auf den Luxusliner und seine angeregt diskutierenden Passagiere. Ein Torpedo verlässt, unbeeindruckt von allen Bemühungen um die Gunst des deutschen Fernsehzu-schauers, sein Rohr. Wenige Sekunden später verschwindet der blütenweiße Rumpf samt all seinen ambitionierten Projekten in einem überdimensionalen Feuerball…

 

Ein entrücktes, um nicht zu sagen seliges, Lächeln umspielte Grohls Mund.

Mehrere Wecker hatten bereits vergeblich geklingelt. Das Telefon wollte abgenommen werden, SMS-Nachrichten drängten sich auf dem Display. Grohl war ein gefragter Mann. Dabei wollte er das gar nicht. Eigentlich wollte er nur schlafen. Endlos schlafen. Das Tele-fon ließ ihm keine Ruhe.

Mühsam wälzte er hundertdreißig Kilo in die Halbsenkrechte, stieß das Ende von 195 Zentimetern – einen Rundschädel mit beachtlich vorstehender Nase, unterfüttert mit Fünftagebart, behelmt mit mönchischer Frisur – fluchend an ein unter DVD-Hüllen ächzendes Regalbrett und drückte die Empfangstaste. Es war Olaf. Busen-freund, Studienkollege, Mädchen für fast alles.

Du hast einen Termin bei Risotto. Es geht um den Tatort!

Grohl blinzelte durch die schießschartenähnlichen Fenster seines Kellerbüros in einen kalten Märzmorgen und erinnerte sich müh-sam. Es war ihm tatsächlich gelungen, innerhalb der letzten fünf Monate eine erste Fassung für ein Tatortdrehbuch aus seinem von unendlich vielen Fehlversuchen gemarterten Hirn zu quetschen. Und das musste jetzt auch noch besprochen werden. Er beruhigte Olaf, der ihn daran erinnerte, dass sie mit der Wohnungsmiete drei und mit der Büromiete fünf Monate im Rückstand waren. Mühsam tastete er sich durch das Chaos aus ausgedruckten Drehbuchsei-ten, mit Zigarettenkippen gefüllten Getränkeflaschen, halb ausge-löffelten, schimmelpilzblühenden Fertiggerichten, vertrockneten Pizzaresten, Schoko und DVD-Hüllen zur unbeheizten Toilette. Der Dampf seines Urinstrahls vernebelte ihm gnädigerweise die Sicht auf einen zugemüllten Hinterhof.

Wieso war er letzte Nacht im Büro geblieben? Er liebte Olaf, aber manchmal brauchte er sogar Ruhe vor der Liebe. Obwohl Olaf ihm jetzt bestimmt einen Kaffee gemacht hätte. Olaf kümmerte sich um alles, machte Termine, kaufte ein, putzte sogar zweimal im Jahr die gemeinsame Wohnung. Bereits im Kindergarten hatte er Grohl immer seine Sandschaufel hinterhergetragen. Nur vor Grohls Schlafzimmer, das einem Junkie im Endstadium zur Ehre gereicht hätte, kapitulierte selbst Olafs ansonsten unverbrüchliche Treue. Grohl konnte ziemlich sicher sein, dass Olaf nur wegen ihm die Filmhochschule besucht hatte. Auch dort hatte die beiden, außer ihrer Unzertrennlichkeit, nichts verbunden. Grohl war früh als aus der Form geratenes Genie gehandelt worden, Kommilitonen schlossen nach kurzer Zeit Wetten ab, wie viele Pausen auf Parkbänken sein schokoladegesättigtes Herz benötigte, um den knapp zehnminütigen Weg von seiner Studenten-WG bis zur Film-hochschule zu bewältigen. Olafs dürrer Körper war nur mit Film-theorien aller Art belastet, die ihm, gemeinsam mit einem beschei-denen Talent, den Weg zu genialen Drehbüchern versperrten. Rasch hatte sich ein Ausweg aus diesem Dilemma gefunden. Olaf fungierte als Grohls Co-Autor, was beinhaltete, dass er Grohls gesamten Alltag organisierte und ansonsten dem Meister in allen weniger anspruchsvollen Drehbuchaufgaben wie Recherche, Or-thographie, Druckerpapier einlegen, Computer updaten, Deadlines einhalten, zuarbeitete. Das war anspruchsvoller, als es sich anhör-te. Grohl war, was die Organisation von Alltag anging, ein hoff-nungsloser Fall. Er brachte es fertig, drei Wochen lang Tag und Nacht im selben karierten Hemd zu verbringen, das man an-schließend nur noch verbrennen konnte. Sein Umgang mit Geld war gnadenlos, sodass Olaf nichts Anderes übriggeblieben war, als ihre dünn tröpfelnden Drehbuchgagen mit einem Halbtagsjob als Muse-umswärter aufzustocken. Wenn ihnen selbst die bescheidensten Grundnahrungsmittel zur Neige gingen, labten sie sich an gemein-samem Zynismus, den sie hingebungsvoll über die gesamte Branche gossen, bis er wie Zuckerguss über allen Medienereig-nissen der vergangenen fünf Jahre klebte. Niemand außer Olaf konnte hinreißender erzählen, wie Grohl bei der Premiere eines hochgehypten deutschen Filmwerks der Berliner Schule einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war, indem er laut schnarchend bereits während der Anfangstitel entschlief. Auf Olaf war Verlass. Grohls Handy, dessen Akku sich bereits wieder dem Ende zuneigte, surrte erneut, während er mit bedenklich niedrigem Zuckerspiegel der Straßenbahn entgegen dämmerte. 

Leider hatte er übersehen, dass es Lisa war. Lisa war der Ansicht, sie sei Grohls Freundin, Grohl zweifelte manchmal daran. Zehn Jahre älter als Grohl, drehte sie nach einer schwierigen Kindheit in der Oberpfalz noch schwierigere Experimentalfilme. Missbraucht von ihrem Vater, deswegen geschlagen von ihrer krankhaft eifer-süchtigen Mutter, seit Jahrzehnten in einer unaufgelösten, inzes-tuösen Schleife kreisend, brachte sie die geradezu optimalen Voraussetzungen für eine ambitionierte künstlerische Karriere jenseits des Mainstreams mit. Sie befriedigte Grohl nur oral, was dem angesichts seiner Leibesfülle nicht ungelegen kam. Ihre von der Mutter ins kindliche Gemüt gebrannte Eifersucht war ebenso legendär wie unbegründet und machte selbst vor Olaf keinen Halt. Ansonsten pflegten sie und Grohl ein für beide nicht unan-strengendes Mutter-Sohn-Verhältnis, das sich vor allem in Lisas sehr bestimmender Sorge um Grohls Gesundheit manifestierte.

Stehst du an der Haltestelle? Du hast mir versprochen, du gehst möglichst viel zu Fuß.

Mach ich doch, erwiderte Grohl, während er in die Straßenbahn stieg.

Ich hör doch das Klingeln der Straßenbahn! Ich höre es ganz deut-lich!

Grohl ließ sich schwer atmend neben eine Rentnerin samt Hund fallen.

Ich geh neben der Straßenbahn her.

Verzweifelt versuchte er, das Kläffen des Köters mit einem Rest Nougatschokolade zu unterbinden, den er zwischen einigen nicht mehr ganz taufrischen Tempotaschentüchern entdeckt hatte. Lisa begann, Grohl darauf hinzuweisen, wie allergisch sie gegen Lügen sei, Grohl wollte erwidern, da habe sie sich mit einem Drehbuch-autoren den optimalen Partner ausgesucht, verwies dann aber nur auf den sich dem Ende zuneigenden Akku seines Handys und legte auf.

Die Rentnerin verbot ihm, ihrem Hund weiter Schokolade jenseits des Verfallsdatums zu geben. Grohl leckte einen kümmerlichen Schokoladenrest von einem der Taschentücher und überflog die erste Seite seines Drehbuchs. Er hatte es in zehn Tagen in Tag- und Nachtarbeit runtergeschrieben, da es angeblich schnellst-möglich gebraucht wurde. Seitdem waren zwei Monate vergangen.

Grohl versuchte sich einzureden, dass sein Manuskript gut war, mit Bestimmtheit  wusste er aber nur eines: Er brauchte ganz dringend einen Kaffee. Seine Augen musterten ein letztes Mal erschöpft das muntere Treiben ein- und aussteigender Menschen, dann fielen sie wieder zu.

 

 

 

Der bedauernswerte Grohl verstrickt sich nun immer tiefer in dem Labyrinth verschiedenster Regie-, Schauspiel-, Produktions-, und Senderinteressen. Sein Weg führt ihn schließlich nach Schweden, wo er gemeinsam mit dem genialen Suffproduzenten Hans Held die Vorzüge des Eisangelns entdeckt. Helds Vorgesetzter, Erfolgsprodu-zent Konni Roth-Ricart, der in Schweden ein neues Highlight deut-scher Fernsehunterhaltung realisieren lässt, folgt den beiden und nutzt die Umstände für eine PR-Show allererster Güte.

Mit Hilfe der beiden schwedischen Experimentalfilmregisseure Lars und Lars Gunnar gelingt es Konni wieder einmal, sich ins rechte Licht zu rücken…

 

 

 

Kapitel 12

Wo ist die Angel?

Nachdem Konni das erste Mal in seinem Leben für maximal zehn Sekunden eine Angel in der Hand gehalten hatte, wurde schnell klar, dass ihm jegliche Geduld für diese Tätigkeit fehlte. Er drückte Lars den Griff in die Hand und befahl ihm, so rasch wie möglich einen Fisch an den Haken zu bekommen.

Aber was Großes, sonst hör isch mir nischt mal euren Pitch an.

Der Druck auf Lars verstärkte sich, da jetzt die ersten Journalisten am Ufer eintrafen, die das Angelspektakel des deutschen Er-folgsproduzenten nicht verpassen wollten. 

Konni musterte mit professionellem Blick durch seine Ray-Ban-Sonnenbrille den von dürrem Binsengras bestimmten Horizont.

Was ist denn das für ne beschissene Location? Sieht ja furschtbar aus. Frankie!

Risottos Kopf ruckte in gewohnt devotem Stil auf seinen Vorgesetzten zu, eine Bewegung, die Grohl immer an ein pickendes Huhn erinnerte.

Kümmer disch mal. Hier gibts doch so n großen See in der Nähe, mit n paar Yachten. So was will isch.

Der große See hieß Vätternsee und war gut zweihundert Kilometer entfernt. Risotto konnte beinahe ebenso rasch recherchieren, dass er zwar weitestgehend eisfrei war, aber in Ufernähe gefroren, und dass alle größeren, vor allem optisch attraktiven Yachten, von denen Konni mittlerweile in Minutenschnelle Fotos auf sein Smart-phone geschickt bekam, eingemottet waren. Für den Maestro kein unüberwindliches Problem.

Ja, Frankie, dann entmottet man eben, was heißt hier Ufer gefro-ren, dann holt eben so n Eisbrescher, und isch will auf jeden Fall die schöne Burg im Hintergrund.

Risotto versuchte im Kopf durchzurechnen, was das alles ungefähr kosten würde, aber nach solchen Kleinigkeiten stand Konni nicht der Sinn, wenn es um sein Image ging.

Vielleischt kommst du jetzt mal in die Gänge, sonst setz isch die Claudia auf „Frühlingsliebe“, die reibt misch dafür jeden Morgen mit indonesischem Badeöl ein.

Eine in der Tat wunderschöne, in dunklem Holz gehaltene Sieben-Meter-Segelyacht wurde wenige Stunden später durch einen extra frisch freigelegten Eiskanal zu einer Stelle geschleppt, an der es laut Lars Gunnar von kapitalen Hechten nur so wimmelte. Konnis Flug war auf kurz vor Mitternacht und Malmö verlegt worden, so-dass ein knappes Zeitfenster blieb, in einer Kolonne PS-strot-zender SUVs zum Ufer des Vätternsees zu rasen. Konni war bereits während der Fahrt in seinem Element. Mit der Brillanz des profes-sionellen Medienjongleurs hatte er exakt die drei Journalisten in sein Fahrzeug gelotst, von denen er wusste, sie würden die Artikel schreiben, nach denen sich der Rest richten würde, und als er merkte, dass die Regiebrüder Lars und Lars Gunnar in Schweden nach wie vor als verschrobene, aber geniale Ausnahmetalente gefeiert wurden, fütterte er die nach kurzer Zeit an seinen Lippen hängenden Journalisten mit der Sensation, er beabsichtige, das Pornoprojekt der beiden zu realisieren, und zwar gemeinsam mit dem deutschen Fernsehen.

Isch mache das möglisch, ihr werdet sehen. Das ist nämlisch keine Pornografie, sondern Kunst, und für Kunst war isch immer anfällig, und das deutsche Fernsehen auch.

Mit diesen Worten entschwebte er so rasch mit mineralwasser-optimierten Schritten auf das ihn erwartende Motorboot, dass die durch Alkohol stark benachteiligten Regiebrüder kaum folgen konnten. Frankie, Grohl und Held, sowie der Teil von Friederikes Team, der mittlerweile zu Konnis kleiner Nebeninszenierung ab-kommandiert worden war, stolperten hinterher.

Das Motorboot entschwand mit Höchstgeschwindigkeit auf die vor einer Burgruine malerisch dümpelnde Yacht, während die mittler-weile beachtliche Meute der Journalisten auf weitere Boote warten musste. Konni hatte das genau so getimt, damit Lars Gun-nar, der bei diversen Angelwettbewerben am See bereits mehrere Preise abgeräumt hatte, genügend Zeit blieb, ungesehen einen kapitalen Fisch an den Haken zu locken, bevor der Maestro öffentlichkeitswirksam die Rute übernahm.

Auf der Yacht angekommen gab es einen kleinen Disput zwischen Lars Gunnar und Konni, der zunächst nicht einsehen wollte, dass die Fische nicht exakt so im Wasser standen, dass man die Burg-ruine für die Kameras optimal im Hintergrund platzieren konnte. Man einigte sich schließlich auf den Kompromiss, dass man die Yacht in optimale Position fahren konnte, sobald Lars Gunnar den Fisch am Haken hatte. Zum Entsetzen aller Beteiligter zog der jetzt einige übelriechende Fischfetzen aus seiner Anglerweste, spießte sie auf einige martialische Wobblerhaken und warf die Angel mit einer kurzen, routinierten Bewegung über vierzig Meter weit aus.

Ich glaub, diese Naturscheiße ist nichts für mich, flüsterte Risotto, der mit den Crewmitgliedern auf dem Festland über Funk auf Tuchfühlung stand, um den besten Zeitpunkt für die Entsendung der Journalisten abzustimmen. Tatsächlich brauchte Lars Gunnar nur drei Würfe, bis er einen kapitalen Hecht am Haken hatte, und übergab an Konni, der erst einmal darüber aufgeklärt werden musste, wie er die Rolle zu drehen hatte, was dem Fisch auf Anhieb fünfzig Meter Fluchtweg ermöglichte. Er hatte sich allerdings so hoffnungslos in den Wobbler verbissen und die Schnur war von Lars Gunnar so stark gewählt worden, dass selbst ein Angel-legastheniker wie Konni ihn relativ pro- blemlos in den Käscher ziehen konnte, den Risotto bedienen musste, denn Konni wollte den mittlerweile eingetroffenen und heftig fotografierenden Journalisten den neuen Producer von „Frühlingsliebe“ als tat-kräftigen Macher präsentieren, der seinem Chef bedingungslos zuarbeitete. Risotto gelang es tatsächlich, den Hecht im zehnten Versuch auf die Bootsplanken zu hieven, wo er wild um sich schlug und den Käscher in ein unentwirrbares Knäuel verwandelte, sodass man von dem Fisch kaum etwas sehen konnte.

Frankie, was soll denn das? Hol den Fisch da raus!, schrie Konni von unerwartetem Jagdfieber gepackt und drehte so lange weiter an der Kurbel, bis er Fisch und Käscher beinahe wieder unfreiwillig ins Wasser beförderte. Lars und Lars Gunnar wollten Risot- to zu Hilfe eilen, aber Konni bestand darauf, dass sein Producer diesen Job alleine erledigte.

Der Frankie kann das, rief er den fotografierenden Journalisten zu. Der macht alles für misch. Wirklisch alles!

Ehe jemand nachfragen konnte, was diese Auskunft detailliert bedeutete, hatte Lars Risotto ein Beil in die Hand gedrückt und wies ihn an, mit der Kopfseite den Hecht zu betäuben, um ihm anschließend mit dem Messer die Kiemen zu durchtrennen. Fran-kie biss die Zähne zusammen. Konni betrachtete kopfschüttelnd den Kopf des Fischs.

Der sieht ja furschtbar aus. So was Hässlisches hab isch ja noch nie gesehen. Wieso können die nischt als Fischstäbschen rum-schwimmen?

Empört, wie sehr die Natur sein ästhetisches Empfinden be-leidigte, brüllte er Frankie ins Ohr: Hau drauf, Frankie! Hau endlich drauf!

Risotto dachte an „Frühlingsliebe“ und schlug zu. Mehrmals. Die Sache mit dem Messer war relativ einfach. Der Fisch zuckte noch einmal, lag still. Frankie atmete tief durch. Er hatte es geschafft! Mit beiden Händen löste er den Fischkörper aus dem Maschen-knäuel, um sein starres Maul von den Wobblerhaken zu trennen. Er fühlte sich dabei weit weg, schwebte über einer von goldenem Abendlicht überfluteten Sommerwiese und genoss den Anblick der sich zärtlich umarmenden Hauptdarsteller von „Frühlingsliebe“, deren Küsse so rein waren wie die frisch gewaschene Wäsche in den Vorabendspots. Undeutlich hörte er Lars Gunnar etwas rufen und noch undeutlicher sah er seine plötzlich blutende Hand, in die der Hecht in einem letzten Reflex seine rasiermesserscharfen Zäh-ne geschlagen hatte. Als die Spitze seines Zeigefingers, die nur noch an einem Hautfetzen hing, nach unten wegkippte, erbrach er sich.

Die Verletzung war so ernst, dass ein Notarzt ans Ufer geholt werden musste, was Konni erneut Gelegenheit gab, sich als verantwortungsvollen Produzenten in Szene zu setzen.

Risottos Finger wurde ambulant über dem zweiten Glied amputiert, während Konni in der rasch zusammengetrommelten Pressekon-ferenz zum Besten gab, der tragische Unfall seines wertvollsten Mitarbeiters, der in der Eile des Gefechts die Ratschläge der schwedischen Fachleute überhört habe, wonach Hechte selbst noch zwanzig Minuten nach ihrem Ableben in der Lage seien, zuzubeißen, habe ihn zu der Idee inspiriert, einen Schwedenthriller mit dem Titel „Tote Fische beißen“ ins Leben zu rufen. Der bleichgesichtige Risotto, der frisch verarztet zur Konferenz eilte und von Konni demonstrativ liebevoll in die Arme geschlossen wurde, dürfe bei diesem Film selbstverständlich die Produktion übernehmen und die beiden schwedischen Brüder seien fest als Regisseure eingeplant.

Risotto, der intern von Friederikes Team bereits Neun-Finger-Frankie gerufen wurde, bedankte sich und erinnerte Konni daran, dass er seinen Flieger nicht schon wieder verpassen durfte. Der Maestro gab sich großzügig: In solschen Augenblicken ist alles egal, da zählt nur noch das Menschlische.

Fünf Minuten später beendete er die Konferenz, angeblich wegen Risottos angeschlagenem Zustand, in Wirklichkeit, weil er unter allen Umständen doch noch sein Flugzeug erreichen wollte. Beim Abschied erfuhr Risotto zu seiner Erleichterung, natürlich dachte der Maestro keineswegs daran, die beiden Regiebrüder zu engagieren, die seiner Meinung nach so chaotisch veranlagt waren, dass er nicht einmal einen Studentenfilm mit ihnen gedreht hätte.

 

Wenig später saßen Risotto, Held und Grohl wie Strandgut rund um den Resopaltisch eines Mittelklassehotels in Jonköping und spiel-ten Poker, wobei sich Risotto schon mal an die Bewältigung alltäg-licher Handgriffe wie Kartenspielen mit einer Hand gewöhnen konnte. Dank der Schmerzmittel, die ihm eine resolute schwe-dische Ärztin verpasst hatte, war er den Umständen entsprechend leidlich gut gelaunt, immerhin hatte er ja eine Zukunft bei R&R, „Frühlingsliebe“ war ein endloser Selbstläufer, vor allem mit der Unterstützung von Hans Held, der als inoffizieller Dramaturg so dringend gebraucht wurde, dass er morgen mit Risotto zurück-fliegen musste. Grohl hatte sich ebenfalls entschlossen, nach Ber-lin zurückzukehren, obwohl ihn dort im Grunde niemand brauchte. Held verbot ihm rigoros, als Autor an „Frühlingsliebe“ teilzuneh-men: Dafür bist du nicht schlecht genug!

Ich könnte mir doch in einer Woche die ersten vierzig Folgen rein-ziehen…

Niemals! Du musst dein Geld anders verdienen!

Ja, genau, beim Poker! Ihr zieht mir gerade das letzte Hemd aus!

Tatsächlich verlor Grohl kontinuierlich an Risotto.

Na komm schon, Grohl. Ich muss meine Invalidenrente aufbessern.

Grohl musterte bekümmert seine Karten. Zwei lumpige Pärchen.

Vielleicht sollte ich doch wieder mit Lisa zusammen sein.

Held schlug sein Doppelpärchen mit einem Drilling.

Wieso?

Aus Entkräftung.

Wenn das kein Grund ist.

Nee, mal ehrlich. Was hältst du von der Lisa?

Held musterte Grohl mit einem Blick, der so viel bedeutete wie: Muss ich das sagen?

Eine für Grohl peinliche Pause entstand, in der er wieder verlor. Er wollte es jetzt wirklich wissen.

Nee, sag doch!

Held zuckte die Achseln.

Ganz okay, nicht toll, aber für dich – Held fixierte ein Elchgeweih an der gegenüberliegenden Wand – gut genug.

Risotto teilte mit meckerndem Lachen aus. Sein senkrecht in die Höhe gerichteter, dick verbundener Zeigefinger wirkte wie eine Mahnung, eine Mumie der Freiheitsstatue in Miniaturformat.

Wird auch als E-Book erhältlich sein

 

voraussichtlich 312 Seiten

erscheint am 06. Oktober

Hardcover

ISBN 978-3-9819732-3-5