Absolute Werte




Woher kommen eigentlich unsere Werte? Diese Fragen stellen sich leider viel zu wenige.

Es schallt uns jetzt wieder aus vielen Leitartikeln entgegen: Wir müssen unsere demokratischen Rechte wie Menschenwürde, Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, Toleranz, Wahlfreiheit, Gewaltenteilung, fairen Wettbewerb, soziale Marktwirtschaft, unbedingt und entschlossen gegen die Feinde der Demokratie verteidigen.


Aber warum sind diese Werte in Gefahr? Weil es für viele Menschen in der Praxis seit vielen Jahren eben keine Gleichheit vor dem Gesetz gibt. Weil viele die Erfahrung machen müssen, dass Kritik am Arbeitsplatz nicht gefragt ist, sondern mit Abmahnung oder Arbeitsplatzverlust abgestraft wird. Weil viele kleine Unternehmen in Konkurs gehen, da die großen in völlig undemokratischer Art und Weise den Markt unter sich aufteilen und eine von diversen Lobbyinteressen bestimmte Politik sie dabei gnadenlos unterstützt.


Es ist gespenstisch, wie breit in diesem Land die Kluft zwischen dem, was gesagt wird und dem, was in der Realität stattfindet, geworden ist. Wir leben in einer Behauptungsgesellschaft, und das gilt für alle Bereiche: Wirtschaft, Politik und natürlich längst auch Kultur. Eine Heerschar von Marketingstrategen ist damit beschäftigt uns einzureden, was gut und schlecht ist, was wir konsumieren, was wir denken sollen: das ist fatal.


Eine Gesellschaft, die auf Behauptungen basiert, die jeder realen Grundlage entbehren, wird auf die Dauer untergehen. Und weil wir natürlich alle spüren, auf welch schwankendem Boden, welch dünnem Eis wir uns bewegen, wird jetzt in geradezu beschwörender Weise für die absoluten, unverrückbaren Werte getrommelt und gegen den Relativismus gewettert. Aber wie sinnvoll ist das? Wir versuchen die eine Lüge zu verlassen und flüchten uns in die nächste. Es gibt kein a priori, es existieren keine absoluten Werte, die immer und unter allen Umständen gelten. So einfach ist das Leben nicht.

„Du sollst nicht töten!“

Dieser Satz ist enorm wichtig für unser Zusammenleben, aber gilt er unter allen Umständen? Ist Tyrannenmord, wenn man zum Beispiel an Hitler oder Stalin denkt, nicht nur gerechtfertigt, sondern, unabdingbar? Gleichzeitig waren diese Diktatoren, zumindest zeitweise, für Millionen von Menschen geniale Staatsoberhäupter, Heilsbringer, Erlöser. Die Frauen und Männer des 20. Juli wurden bis Kriegsende, und von nicht wenigen Deutschen auch noch lange danach, als Verbrecher und Verräter betrachtet.


„Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut!“

Unbedingt, aber auch sie stößt an Grenzen, wenn bewusst Falschmeldungen im Internet verbreitet oder zu Hass und Hetze aufgerufen wird.

Wer hat wann unter welchen Umständen recht? Es bleibt uns nicht erspart, unter Berücksichtigung unseres Wissens über Geschichte, Wirtschaft, Politik, Ästhetik persönlich Stellung zu beziehen, eine Entscheidung zu fällen. Das ist immer wieder schwierig, eine große Herausforderung.


Vor allem, da wir in einer Gesellschaft leben, in der Manipulation, meistens aus ökonomischen Gründen, zum Alltagsgeschäft von Wirtschaft, Politik und Kultur gehört. Wie können wir als Einzelner uns in dieser Informationsflut noch orientieren?


„Seien wir misstrauisch!“

Informieren wir uns sorg- und vielfältig und treffen anschließend in Ruhe unsere persönliche Entscheidung. Stehen wir mit Mut und Entschlossenheit zu ihr, ohne uns neuen Gesichtspunkten zu verschließen. Verfallen wir weder in Beliebigkeit, noch ins starre Klammern an angeblich unverrückbare Werte. Seien wir frei in unserem Urteil, denn nur wer frei ist, wird irgendwann auch sicher. Dabei steht häufig als erster wichtiger Schritt der Mut zur Verunsicherung. Es lohnt sich, ihn zu gehen.

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