Dekadenz

Gestern habe ich gelesen, dass Trump in den Meinungsumfragen das erste Mal leicht vor Clinton liegt.


Der erste Impuls ist: Wahnsinn! Dann beginnt man zu hinterfragen. Was bringt die Menschen dazu für einen gefährlichen Hochstapler und Scharlatan zu votieren, der nichts zu bieten hat außer unhaltbaren Versprechungen? Leben wir wieder in einer Zeit, in der die Menschen so sehr ihrer selbst und den Gesellschaften, die sie erschaffen haben überdrüssig sind, dass sie bereit sind, sich wie die Lemminge in den Abgrund zu stürzen? Man muss es annehmen. Wie sonst könnten denkende Menschen in den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Polen, Ungarn, Österreich, Finnland, Frankreich und nicht zuletzt Deutschland rechtspopulistischen Verführern ihre Stimme schenken, von denen sie, bei allen berechtigten Ängsten, wissen müssten, dass sie rein gar nichts zum Besseren wenden werden? Die Besorgnis der etablierten Politik, der wirtschaftlichen und intellektuellen Elite über dieses Verhalten ist groß, dabei hätte man das alles vorhersehen können. Die Lust, mit der sich die Welt momentan in den Abgrund stürzt, kommt nicht von ungefähr. Die ökologischen Probleme sind gigantisch, wegen weltweiter Uneinigkeit seit Jahrzehnten unlösbar und über das Hauptproblem, eine dramatisch zunehmende Überbevölkerung, wird überhaupt nicht mehr gesprochen. Hat man sich insgeheim längst darauf verständigt, dieses Problem, da man es friedlich offenbar nicht in den Griff bekommt, mit kriegerischen Mitteln zu lösen? Lässt man deswegen die drohenden Umweltkatastrophen, abgesehen von ein paar Klimagipfeln, auf denen Zahlenkosmetik betrieben wird, ungehindert auf die Weltgemeinschaft zurollen? Haben sich die Mächtigen dieser Welt längst mit ihrer Ohnmacht abgefunden und erwarten die Katastrophen, die es braucht, um neu durchstarten zu können? Funktioniert Kapitalismus eben doch so, dass in bestimmten Zeitabständen vieles zerstört werden muss, um es gewinnbringend wieder aufbauen zu können? Und ahnen das all diejenigen, die nicht nur ihre Stimme, sondern die Demokratie wegwerfen, weil sie ihrer überdrüssig sind?


Muss man nicht zugestehen, dass angesichts der gigantischen ökologischen und ökonomischen Probleme, der weltweiten Umweltzerstörung und Staatsverschuldung, aus der irgendwann zum Nachteil der meisten nur eine Währungsreform führen wird, die in Europa bereits 2017 nach dem Austritt Frankreichs aus der EU drohen könnte, dass angesichts der von allen Seiten auf die Bevölkerung einstürzenden Bedrohungen die Menschen geradezu euphorisch den Parolen der rechten Verführer folgen?


Es gab sicher keinen Masterplan zur Herbeiführung der jetzigen Situation, die Komponenten Gier, Dummheit und Skrupellosigkeit waren völlig ausreichend. Kulturell befindet sich die Welt seit der Infantilisierung durch Star Wars auf dem absteigenden Ast. Es ist geradezu gespenstisch zu sehen, wie erwachsene Geschichten aus Kino und Literatur verdrängt und durch infantile Fantasy, Horror und Comicszenarien ersetzt wurden. Widerlichste Errungenschaft: Ein dekadentes Publikum erfreut sich an comicartiger Gewalt, während im Nahen Osten die Menschen ganz real zerfetzt werden.


Dieses nicht erwachsen werden wollen, dieses krampfhafte Festhalten an einer häufig wohlstandsverwahrlosten Kindheit - viel Konsum, wenig Zwischenmenschlichkeit – hat die Art von empathielosen Nerds erzeugt, die in Zuckerberg einen Prototypen gefunden haben.


Ein erheblicher Teil des deutschen Feuilletons moniert unterdessen zu viel Wirklichkeit im internationalen Kinofilm. Zu großes Interesse an politischen und sozialen Themen. Ein untrüglicheres Zeichen für Dekadenz gibt es nicht. Eine Flucht vor der Realität ins Verträumte, Surreale, Beliebige hat eingesetzt. Je unerbittlicher das Zitat eines Zitat eines Zitats zitiert wird, je hemmungsloser das Potpourri aus bestehender Kunst, umso größer angeblich der Kunstgehalt. Da wundert es auch nicht mehr, dass ausgerechnet das öffentlichrechtliche Fernsehen als Hort der Wirklichkeit ausgemacht wird. Man ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, zwischen Fernsehwirklichkeit und gesellschaftlicher Realität zu unterscheiden. Man will es vielleicht auch gar nicht mehr. Längst hat sich die Künstlichkeit so nahtlos mit unserer Wirklichkeit vermischt, dass in unserer Wahrnehmung ein neues Sammelsurium aus Parallelwelten entstanden ist, das für unsere enthemmten Kinderseelen gar nicht vielschichtig und farbenprächtig genug sein kann. Dumm nur, dass es die Wirklichkeit ohne Seifenblasen nach wir vor gibt und sie uns umso gnadenloser einholen wird, je konsequenter wir versuchen, sie zu ignorieren.


Trump und Konsorten werden uns eine Wirklichkeit schaffen, der wir genau so wenig entkommen werden wie die römische Bevölkerung ihren wahnhaften Cäsaren.

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