Geben und Nehmen

Was im Bereich Kultur ärgerlich ist, ist auf dem Feld der Politik tödlich - und beide verschwimmen immer mehr.

Sebastian Kurz: Von Basti Fantasti zu Basti Knasti. Die Fallhöhe ist für einen demokratisch gewählten Kanzler hoch, die Empörung entsprechend groß. Die plumpe Bestechung von Medien und Meinungsforschungsinstituten mit Geld, um entsprechende Artikel und Umfragewerte zu lancieren, dahinter ein von Berufsopportunisten feinaufgebautes Netzwerk der Korruption und Bestechung: Das alles förderte wieder einmal das Schlagwort von der ,Schluchtenscheißerrepublik‘ Österreich.

Natürlich wäre so etwas in der Bundesrepublik Deutschland, dem Hort von Demokratie und Anständigkeit, völlig undenkbar. Wirklich?

In den Neunzigern wurde ich zum ersten Mal mit folgendem Gerücht konfrontiert: Ein sehr bekannter Filmproduzent entlohnte angeblich einen sehr bekannten deutschen Kritiker mit einem fünfstelligen Betrag, um einen unterirdisch schlechten Film in einem sehr bekannten deutschen Magazin zum Meisterwerk hochzuschreiben. Die Kritik war so unstimmig, dass man vielleicht noch darüber lachen konnte. Das Lachen sollte einem allerdings innerhalb der nächsten Jahre gründlich vergehen. Zunehmend hatte man das Gefühl, Kritiken, völlig entkoppelt von jeglicher vernünftigen Ästhetik, zu lesen. Es steht zu befürchten, dass in vielen Fällen kein Geld floss, sondern dass man sich mit Exklusivinterviews, einem gemeinsamen kreativen Plausch bei sündteuren Abendessen und ähnlichem revanchierte, dass aber vor allem ein geschlossener Kreislauf des bald selbstverständlichen ,Gebens und Nehmens‘ entstand.

Man beschloss, einander nicht mehr kritisch wehzutun, sondern sich gegenseitig mit Nettigkeiten und Zuvorkommen zu hofieren.

Das geht mittlerweile so weit, dass bestimmte Kulturschaffende geradezu gebeten werden, ihre Werke dem versammelten Feuilleton zu erklären und anschließend begeistert hinterhergeschrieben wird. Warum selbst nachdenken, wenn es doch der/die große Meister*in für einen tut? Da kritische Köpfe in diesem Kreislauf nur stören, hat man sie mittlerweile nahezu vollkommen eliminiert, um beschwerdefrei in den Dilettantismus zu marschieren. Seitdem man befürchten muss, dass sich immer mehr Menschen, und keineswegs nur AfD-Anhänger, angesichts eines unglaublich schlechten und langweiligen Fernsehprogramms fragen, wozu sie eigentlich noch ihre GEZ-Gebühren entrichten, vergeht keine Nachrichtensendung, in der nicht mindestens einmal betont wird, ausschließlich die Öffentlich-Rechtlichen seien der Hort von Qualität und Demokratie.


In seltsamem Gegensatz dazu steht die Ästhetik zahlloser Bergweltfilme, die ziemlich unverhohlen eine enge Verwandtschaft zu Luis Trenker und Leni Riefenstahl offenbaren und spätesten bei den Lichtdomen, die Herr Silbereisen durch seine Musikshows flimmern lässt, kann man sich der Eindeutigkeit dieser Vorbilder nicht mehr entziehen. Da mutet es nahezu grotesk an, wenn ausgerechnet die AfD und die Öffentlich-Rechtlichen immer wieder gegeneinander wüten, sich aber ästhetisch bei solchen Sendungen geradezu ideal ergänzen. Eine weitere von vielen Scharaden, die man zur Unterhaltung und Ablenkung des gemeinen Volkes aufführt?

Was im Bereich Kultur ärgerlich ist, ist auf dem Feld der Politik tödlich, wobei, das kann man nicht oft genug betonen, Kultur und Politik untrennbar miteinander verknüpft sind.

Wahlkampf 2013: Der an sich vielversprechende SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück wird von der Bildzeitung bereits in den Startlöchern erledigt. Er hatte sich zu der ungeheuerlichen Feststellung verstiegen, er trinke keinen Wein unter zehn Euro. Diese eine, taktisch sicher unglückliche Bemerkung, reichte, einen kompetenten Kanzlerkandidaten mit Hilfe der Medien zu erledigen. Frau Merkel wusch ihre Hände selbstverständlich in Unschuld. Inwieweit sie sich für die Entsorgung ihrer Konkurrenz erkenntlich zeigte, kann man nur vermuten. Auf jeden Fall wurde so ein demokratischer Wahlkampf verhindert, in dem vielleicht sogar Argumente hätten ausgetauscht werden können. Inwieweit politische Konkurrenz, möglicherweise aus der eigenen Partei, dafür verantwortlich war, Herrn Laschets deplatzierten Lacher über die sozialen Netzwerke zum Killermoment hochzustilisieren, ist natürlich ebenfalls nicht beweisbar. Aber es wird einmal mehr klar, wie meisterhaft es Profis mittlerweile verstehen, mit Shitstorms Meinungen herzustellen, und das ist höchst besorgniserregend und hebelt jede Demokratie, die diesen Namen verdient hätte, aus.

Und hier muss sich jeder von uns angesprochen fühlen: Wollen wir dieses schmutzige Spiel wirklich noch länger mitspielen?

Es funktioniert nur, weil Millionen von Menschen geradezu wollüstig daran teilnehmen! Wie armselig muss das Leben dieser Menschen sein, dass sie ihre Frustration und Aggression bereitwillig dem Internet zur Verfügung stellen! Sie wirken wie Süchtige, die versuchen, sich mit Drogen zu heilen, und, um den Zusammenhang zur Ästhetik wiederherzustellen: Angesagte platte Emotionen in fiktionalen Filmen finden ihr Pendant in politischen Auseinandersetzungen, die inhaltsleer und in völlig überspannten Emotionskaskaden in zahllosen Talkshows den Zuschauer in völlige Ratlosigkeit stürzen.


Es gibt in beiden Bereichen nie eine echte, glaubwürdige Emotion: Tiefes Gefühl ist längst durch Hysterie ersetzt worden. Es gibt auch kein überzeugendes Handeln mehr. Die Worte sind leere Behauptungen, denen die Taten häufig diametral entgegenstehen.

Dem ästhetisch-kulturellen Niedergang entspricht der politische und der ökonomisch-ökologische wird folgen!

Nietzsche hat dazu vor 150 Jahren geschrieben: Wie groß muss der Widerwille späterer Geschlechter sein, sich mit der Hinterlassenschaft jener Periode zu befassen, in welcher nicht die lebendigen Menschen, sondern öffentlich meinende Scheinmenschen regierten.


Wir haben seitdem nichts dazugelernt, im Gegenteil: Der Boden, auf dem wir irgendwann sehr schmerzvoll aufschlagen werden, ist noch nicht erreicht.

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