Rezensionen zu

"Schmerzgrenze"

Thomas Schadt, Künstlerischer Direktor der Filmakademie Baden-Württemberg

„[…] Interessant an dieser Thematik ist, dass sie sofort in die Tiefe der Charaktere führt. Manche Figuren übertreten ihre Schmerzgrenze bewusst, andere versuchen, bereits erlebte Schmerzen zu verarbeiten. Veronika beispielsweise stellt sich nach dreißig Jahren ihrer Mutter, zu der sie nach vielen kleinen Demütigungen und einer letzten großen Verletzung die Beziehung abgebrochen hat. Mit seinem autoritären Vater hingegen will sich Dimitri auseinandersetzen. Anstatt ihm Schmerzen zuzufügen, lernt er selbst, sie im Kampf zu ertragen. Ein Kriegsjournalist macht die schmerzvolle Erfahrung, einem jungen Mädchen beim Sterben zuzusehen. Immer wieder beschwört er zwanghaft diesen Moment herauf, wenn er die letzten Atemzüge von Soldaten mit der Kamera festhält. Dass Schmerzen auch Lust bereiten können, lernt Herr Widmann, für den eine Rolltreppe ein unüberwindbares Hindernis darstellt. Tonee kann im Drogenrausch die Grenze der Realität sprengen und erlebt dabei alptraumartige Szenarien. Und letztlich verleiht ein junger Künstler seiner Kunst erst das Einzigartige, Besondere, indem er sich selbst für sie aufgibt.  Nach dem Lesen ergeben sich weitere Fragen: wie weit will man gehen und wie weit kann man gehen, um möglichst intensiv zu leben, zu gestalten und, nicht zuletzt, zu leiden. Bis zu welchem Punkt hat man die Entscheidung noch in der Hand und wohin wird man getrieben, wenn man diese Grenze überschreitet?“  Aus dem Vorwort des Bandes
 


Statements der Autoren
 


Carl Gerber:

„Erster Erster  Grenzen sind das, was unsere Identität ausmacht und ihre Peripherien absteckt. Manchmal gilt es sie zu hüten und zu pflegen wie die Hecke zum Gründstück des Nachbarn. Ohne unsere Grenzen wären wir nur ein undefinierbares schwabbeliges Nichts.(…) Um unsere Grenzen zu überschreiten, zu erweitern, zu transzendieren, in der paradoxen Hoffnung, dass dahinter etwas liegen muss, etwas weniger schnödes und profanes als das, was uns im Hier und Jetzt umgibt, etwas Ent-Grenztes, etwas Unendliches, etwas, wovon niemand mehr zu reden wagt, weil davon nicht geredet werden kann.“
 


Konstantin Flemig:

„Der Kämpfer und Ein Moment der Klarheit  Als Geschichtenerzähler, egal ob filmend oder schreibend, gehören Grenzüberschreitungen zu den spannendsten Themen, die man sich denken kann. Wenn du eine Grenze übertrittst  veränderst du dich, es formt deinen Charakter, es ändert deine Perspektive. Meine Geschichten erzählen von einsamen Menschen, die versuchen ihre innere Leere in der Extreme zu vergessen, um sich ihr nicht stellen zu   müssen, was natürlich scheitert. Ihre Grenze erreichen sie in dem Moment, wo etwas durch ihre harte Schale durchbricht und sie an diese Leere erinnert.“

 

John-Hendrik Karsten:

„Siebenundzwanzig Punkte  Die Grenzüberschreitung des Schreibens einer Geschichte liegt in der Allmacht über die Welt und die dazugehörigen Figuren, Werte, Gefühle und Gesetze, die meinen Fingern entspringt. Diese Allmacht ist verlockend und gefährlich. Sie schmeckt süß und dann bitter. Sie euphorisiert und macht dann Angst. Ich empfinde es als meine Aufgabe, mich ihr zu stellen, mit ihr zu kämpfen, an ihr zu verzweifeln wenn nötig. Ich bin es meinen Geschichten schuldig, diese Grenze für sie zu überschreiten.“