Die neue-alte Furcht der Frauen
- Christoph Fromm

- 12. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Es ist interessant, dass gerade unter Studentinnen die Furcht besonders verbreitet ist, die Fortschritte innerhalb der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die es in Europa in den letzten fünfzig Jahren zweifellos gegeben hat, wieder zu verlieren, Ist sie berechtigt?
Zweifellos gibt es bei der Bezahlung weiterhin nicht hinnehmbare Unterschiede, und der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist zu gering, aber meiner Ansicht nach sind das nicht die Hauptgründe für die tiefe Furcht, man muss teilweise von Hass sprechen, die gerade Frauen aus diesem Milieu gegenüber Männern empfinden. Es hat zweifellos viel mit sexuellen Übergriffen und mit konkreter Gewalt gegenüber Frauen zu tun, die sich seit 2000 auf einem konstant hohen Niveau befindet und weiterhin ansteigt. Und es ist sicherlich viel zu einfach, wenn man die Ursache für diese Gewalt alleine bei jungen Männern mit Migrationshintergrund sucht.
Meiner Beobachtung nach gibt es tiefsitzende Ressentiments von jungen Männern, die sich wirtschaftlich und beruflich abgehängt fühlen, gegenüber tatkräftigen jungen Frauen, die schlicht und einfach erfolgreicher sind. Es ist ein Konkurrenzkampf zwischen den Geschlechtern entbrannt, der nicht fair geführt wird. Seilschaften bilden sich auf beiden Seiten, die mit harten Bandagen kämpfen, und offensichtlich greifen Männer häufig zu dem letzten Mittel, wo die meisten noch überlegen sind: zu physischer Gewalt.
Diese Art von Konkurrenzkampf ist nicht produktiv, denn er führt zu einer wachsenden Entfremdung zwischen den Geschlechtern. Eine Gesellschaft, in der die Frauen unter sich bleiben und die Fortpflanzung nur noch über Samenbänke geregelt wird und auf der anderen Seite Männerbünde, die Frauen aus ihrem Leben ausschließen, das wird nicht gutgehen. Jede der beiden Seiten wird versuchen, die andere zu dominieren, und es ist nichts gewonnen, wenn das Patriarchat, unter dem im Augenblick viele Frauen laut eigener Aussage leiden, durch ein Matriarchat ersetzt würde, das Männer zu dominieren versucht.
Es ist unbedingt nötig, im Gespräch zu bleiben, denn wo nicht mehr miteinander geredet wird, wird irgendwann geschossen. Das gilt in der Politik, wie man leidvoll beobachten kann, und das wird, zumindest im übertragenen Sinne, auch zwischen den Geschlechtern gelten bzw. findet bereits statt.
Vielleicht wäre es hilfreich, sich zunächst einmal klarzumachen, dass in jedem Menschen männliche und weibliche Persönlichkeitsmerkmale angelegt sind, und dass es sinnvoll wäre, die zu erkennen und in ein Gleichgewicht zu bringen. Für jeden Einzelnen übrigens einen große, nie endende Aufgabe. Und es gilt anzuerkennen, dass Menschen verschieden sind und man ihnen das Recht zubilligen muss, ihre Verschiedenheit auszuleben, soweit sie nicht die Rechte und die Würde anderer verletzt.
Wenn wir das nicht tun laufen wir Gefahr, in einem neuen Fundamentalismus zu landen, wie er in Ansätzen bereits jetzt in den USA erkennbar ist. Nicht umsonst ist eine Dystopie wie „The Handmaid's Tale“ unter jungen Frauen so populär. Wobei ich glaube, dass eine effektive Diktatur, so wie in China, zu intelligent ist, um auf die Intelligenz und Kreativität von Frauen zu verzichten. Die entscheidende Frage wird sein, ob sich individuelle Freiheit als Gesellschaftmodell der Zukunft durchsetzen kann, und zwar für alle Geschlechter.




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