IS - Faszination des Krieges

Was bringt junge Menschen, die in Deutschland, einer modernen, demokratischen Gesellschaft aufgewachsen sind, dazu, sich freiwillig einem zutiefst tyrannischen, antidemokratischen Regime zu unterwerfen und an einem brutalen Vernichtungskrieg gegen Ungläubige teilzunehmen, häufig unter Aufwendung nicht geringer krimineller Energie, um überhaupt in das Traumland von Gewalt und Terror zu gelangen?


Eine zentrale Ursache stellt zweifellos das Gefühl der Ohnmacht dar, das der Nahe Osten spätestens seit Ende des Ersten Weltkriegs gegenüber dem Westen empfindet. Der Islam, im Mittelalter führend in Medizin, Mathematik und Landwirtschaft, hat an der industriellen Revolution nicht teilgenommen. Es gibt heute keine einzige Industrie, geschweige denn eine bahnbrechende Erfindung, die in der islamischen Welt kreiert wurde. Stattdessen lässt sich der Nahe Osten seit den ersten Ölfunden rigoros vom Westen ausbeuten, vom Ölreichtum profitiert in den Förderländern nur eine kleine, vom Westen hofierte und zutiefst korrupte Elite, der Großteil der dortigen Bevölkerung lebt in tiefster Armut. Dasselbe gilt für den gesamten Kontinent Afrikas. Die soziale Ungerechtigkeit, verbunden mit einem tiefen Gefühl der Demütigung, ist der ideale Nährboden für religiösen Fanatismus, und er wird deshalb seinen Siegeszug auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zügig fortsetzen. Hinzu kommt in den Augen der islamischen Welt, dass sie, völlig zu Unrecht, die Verbrechen des Holocaust mit der Gründung von Israel ausbaden musste - eine Staatsgründung, die zur Vertreibung eines erheblichen Teils des palästinensischen Volkes geführt hat.


Das tief verankerte Gefühl von Ungerechtigkeit und Demütigung hat sich auch in die Gemüter der in Europa lebenden islamischen jungen Generation eingegraben. Sie haben genau verfolgt, wie ihre Großeltern und Eltern gedemütigt und ausgebeutet wurden, und vielen von ihnen blüht im heutigen Europa ein ähnliches Schicksal. Aber selbst beruflich erfolgreiche türkische Anwälte oder Geschäftsleute berichten, wenn man sie etwas näher kennt, dass sie immer wieder erniedrigende Momente erleben. Wie ohnmächtig, ja hasserfüllt muss sich dann erst ein Jugendlicher fühlen, der täglich erlebt, dass er angeblich zu dumm, zu unbegabt ist, um am erfolgreichen Leben dieser Gesellschaft teilnehmen zu können?


Das Gefühl von Ohnmacht und Demütigung ist sicherlich ein wichtiger Katalysator; tödlich wird er, wenn die Aussicht auf Erlösung durch eine Gemeinschaft winkt, die aus dem Gedemütigten einen Auserwählten macht.


Der Nationalsozialismus mit seiner Idee vom Übermenschen ist da nicht unähnliche Wege gegangen. Es scheint immer wieder hervorragend zu funktionieren, gedemütigten, erniedrigten Menschen einzureden, sie seien die eigentlich Auserwählten und hätten deshalb das Recht, ihre Peiniger zu vernichten. Dabei ist besonders fatal, dass sich zum Beispiel der Zorn des deutschen Prekariats sehr viel weniger gegen Banken oder eine neoliberale Wirtschaftspolitik richtet, sondern ausgerechnet gegen diejenigen, die noch viel weniger haben, gegen die Flüchtlinge. Die wahre Ursache für Hass und Fanatismus, die immer rigorosere Ausbeutung eines Großteils der Weltbevölkerung durch eine elitäre Minderheit, wird geschickt hinter Religionskriegen, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus verschleiert. 

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