Reinhard Heydrich

– der Henker



Reinhard Heydrich wurde 1904 in Halle an der Saale geboren. Sein Vater stammte aus bescheidenen Verhältnissen, während seine Mutter Kind einer wohlhabenden Familie war. Heydrich hatte zwei sehr musikalischer Eltern und sein Vater Bruno war Komponist und Opernsänger. Bruno Heydrich gründete und leitete ein Konservatorium in Halle an der Saale, wodurch die Familie immer wohlhabender wurde, sich zwei Dienstmädchen und einen Butler leisten konnte und den Zugang zu den gehobenen Kreisen der Stadt fand.


Der junge Heydrich erlernte mehrere Instrumente, wobei er vor allem das Violinspiel bald auf einem nennenswerten Niveau beherrschte. Seine Leidenschaft für dieses Instrument blieb auch im Erwachsenenalter ungebrochen. Im Haus der Heydrichs herrschte ein extremer Nationalismus, was in Deutschland aber zu dieser Zeit keine Seltenheit war. Die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg und die Abdankung des Kaisers wurde von vielen als Katastrophe empfunden.


In Halle gab es eine sogenannte „freiwillige Einwohnerwehr", einen Freikorps unter der Leitung von Georg Maercker, dem sich Reinhard Heydrich 1919 anschloss. Zudem war er ab 1920 Mitglied der Jugendgruppe des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes der sich für die Bekämpfung des Judentums einsetzte und nach der Ermordung von Außenminister Walther Rathenau 1922 verboten wurde, in die er verstrickt war. In diesen beiden Vereinen kam Heydrich vermutlich zum ersten Mal bewusst mit völkischen und antisemitischen Idealen in Berührung.


Reinhard Heydrich erwies sich schon in frühen Jahren als sehr intelligent und ehrgeizig, trieb intensiv Sport und widmete viel Zeit seinem musikalischen Talent. 1922 trat er in die Reichsmarine ein, begann eine Ausbildung als Funkoffizier, die er 1926 abschloss und wurde 1928 zum Oberleutnant auf See befördert.


Im Dezember 1930 lernte Heydrich seine spätere Ehefrau, die neunzehnjährige Lina Mathilde von Osten kennen, die aus einer stark rechtsextrem geprägten Familie stammte und schon bevor sie Heydrich kennenlernte, überzeugte Nationalsozialistin und glühende Antisemitin war. Heydrich muss wohl umgehend um ihre Hand angehalten haben, denn bereits zwei Wochen nach ihrem Kennenlernen waren die beiden verlobt. Das prekäre an dieser Verlobung war, dass sich Heydrich zu diesem Zeitpunkt in einer Beziehung zu einer anderen Frau befand, die er dadurch beendete, dass er ihr die Zeitungsankündigung seiner Verlobung per Post zukommen ließ. Der Vater dieser Frau wiederum beschwerte sich bei der Marineleitung über Heydrich, da das Brechen eines Eheversprechens als unehrenhaft galt.


Der Ehrenrat der Marine hätte dieses Vergehen nicht bestrafen müssen, enthielt sich jedoch eines Urteils, da Heydrichs in der Anhörung arrogant und überheblich auftrat und den Ehrenrat offensichtlich belog. Das Verfahren wurde an den Chef der Marineleitung, Admiral Erich Raeder weitergeleitet, der ebenfalls aufgrund Heydrichs offensichtlicher Unaufrichtigkeit im Verfahren und seiner Versuche, die Frau zu belasten, dahingehend entschied, Heydrich als unwürdig für das Amt eines Offiziers zu erklären und seine Entlassung zu verfügen.


Dies erwies sich als immens großer Bruch in seinem Leben, der ihn nachhaltig verändern sollte. Heydrich stand vor dem Scherbenhaufen seiner Karriere, der gerade zur Zeit der großen Depression auch seinen finanziellen Ruin zur Folge hatte. Es scheint, als habe er sich nach diesem Tiefschlag dazu entschlossen, fortan alles nur Menschenmögliche zu tun, um durch berechnendes Kalkül nie wieder die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Etwa einen Monat später trat er, wohl auch unter Einfluss seiner zukünftigen Frau, in die NSDAP ein und bekleidete nach knapp vierzig Tagen bereits das Amt eines SS-Untersturmführers.


Ich denke, er hat die Rassereligion des Nationalsozialismus benützt, als Machtinstrument, und während er sie benützt hat, hat er wahrscheinlich auch immer mehr an sie geglaubt, vor allem weil er eben auch gesehen hat, dass er damit erfolgreich ist.

Christoph Fromm, Stalingrad Podcast Folge 52


Sein eigentlicher Aufstieg im Nationalsozialismus begann mit einem Vorstellungsgespräch im August 1931 bei Heinrich Himmler, das wiederum durch Lina von Osten vermittelt wurde. Himmler suchte eigentlich einen Mitarbeiter mit nachrichtendienstlicher Erfahrung und bemerkte während des Gesprächs gar nicht, dass Heydrich diese nicht besaß. Daher erhielt er die Stelle und brachte sich autodidaktisch unter Verwendung verschiedener Bücher das Wissen bei, das seine Aufträge erforderten.


Dabei arbeitete er sehr effizient und ehrgeizig, weshalb er bereits am 1. Dezember 1931 zum Hauptsturmführer befördert wurde, im Juli 1932 zum SS-Standartenführer und zum Chef des neu gegründeten Sicherheitsdienstes, der organisatorisch Himmlers SS unterstand. Abgesehen von den offiziell bekleideten Positionen wurde Heydrich zum engsten Mitarbeiter Himmlers. Er war maßgeblich daran beteiligt, die Polizeigewalt unter Kontrolle der SS zu bringen und bediente sich zu diesem Zweck verschiedener Mittel.


Die Polizei verfolgte zu diesem Zeitpunkt die Nationalsozialisten und wurde von diesen deshalb bedroht. Heydrich hingegen sorgte für den persönlichen Schutz der Beamten und deren Familien und verwandelte diese dadurch zu ergebenen Mitarbeitern und bereitwilligen Mittätern.


Hier sieht man, dass Heydrich schon ein sehr abgefeimter Machtstratege war. Er hat also Leute von sich abhängig gemacht, sodass die ihm etwas geschuldet haben, hat sich damit ihre Loyalität gesichert und hat dann dadurch eine schlagkräftige Organisation aufgebaut mit Leuten, die ihm absolut ergeben waren.

Christoph Fromm, Stalingrad Podcast Folge 52


Ihm wurden immer mehr Verantwortungsbereiche unterstellt, da er alle Aufgaben mit Bravour meisterte. Nach der Machtergreifung 1933 war er beispielsweise verantwortlich für die Einweisung oppositioneller Kreise ins KZ Dachau, 1934 für die Niederschlagung des Röhm-Putsches und für die Exekution der Beteiligten, wofür er erneut befördert wurde. Er organisierte die Enteignung von politischen Gegnern des Regimes und oppositionellen Künstlern.


Hier sieht man auch wieder erneut seinen grenzenlosen Zynismus. [...] Das alles waren aber noch Verbrechen, die hinter dem ganz großen Verbrechen des Holocaust stehen, das er als Befehlshaber zentral angeordnet und ausgeführt hat.

– Christoph Fromm, Stalingrad Podcast Folge 52


So war Heydrich 1936 der Leiter der Sicherheitspolizei für das gesamte deutsche Reich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, welches zu diesem Zeitpunkt mächtiger war, als das heutige Innenministerium und etwas später auch Präsident der internationalen polizeilichen Kommission, die als Vorgänger von Interpol anzusehen ist. Er baute systematisch ein Kontroll- und Unterdrückungssystem auf und stärkte die polizeiliche Macht durch Verfolgungen, Einschüchterungen und Erpressungen. Darüber hinaus ließ er Akten über potenzielle Staatsfeinde anlegen und erteilte den Befehl, sofern nötig, „verschärfte Vernehmungsmethoden“ anzuwenden, wobei die Protokolle dieser Verhöre unter Verschluss gehalten werden sollten. Auch räumte er innerhalb der Nationalsozialistischen Elite gezielt Konkurrenten, wie beispielsweise den damaligen Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner von Fritsch oder den Reichskriegsminister Werner von Blomberg durch sorgsam geplante Intrigen aus dem Weg.


Er war zu diesem Zeitpunkt in der Tat eine Art graue Eminenz im Reich. Vielleicht war er, zumindest was reale Macht angeht [...] der mächtigste Mann im Dritten Reich.

– Christoph Fromm, Stalingrad Podcast Folge 52


Interessant ist aber, dass Heydrich dem Nationalsozialismus gegenüber nicht unbedingt hörig war. Vielmehr scheint es so, als habe er das Konzept des scheinbar perfekten Nationalsozialisten gelebt, um seine persönliche Macht zu stärken. Er entsprach dem Idealbild des nationalsozialistischen Menschen - groß, blond, überdurchschnittlich sportlich und begabt - ein gebildeter und hart arbeitender Familienmensch. Zudem war er scheinbar bereit, sein Leben für den Führer zu riskieren, denn während des Krieges kämpfte er teilweise in der Luftwaffe als Bordschütze und Jagdflieger, und das obwohl ihm gefährliche Kampfeinsätze von Himmler explizit verboten worden waren.


Doch Heydrich suchte den Nervenkitzel, um sich als tapferer Soldat zu beweisen, wurde am 22. Juli 1941 abgeschossen, und konnte nur mit viel Glück von einer Patrouille gerettet werden. Ebenso gut ist es möglich, dass er im Laufe seiner Karriere die Ideologie der Nationalsozialisten immer weiter verinnerlichte, was aber ein gezieltes Benutzen dieser Ideale als machtpolitische Waffe nicht ausschließt.


Heydrich plante im Laufe seines Wirkens verschiedene Intrigen. So unterbreitete er Stalin beispielsweise gefälschte Dokumente, deren Inhalt auf einen Putsch gegen Stalin von Seiten seiner Offiziere hindeutete, woraufhin Stalin einen Großteil seines Offizierskorps liquidieren ließ. Auch wollte Heydrich eine Menge an gefälschten Dollarnoten auf den Markt bringen, um so die USA vor ihrem Kriegseintritt zu schwächen.


Eine Intrige von zentraler Bedeutung ist der Überfall auf den Sender von Gleiwitz, der heute als Auslöser für den Überfall auf Polen und damit den zweiten Weltkrieg angesehen wird. Am 31. August 1939 wurde auf Heydrichs Kommando ein Anschlag auf einen deutschen Radiosender in Gleiwitz nahe der polnischen Grenze vorgetäuscht und als polnischer Übergriff inszeniert. Bei diesem Überfall drangen mehrere SS-Leute, mit Maschinenpistolen bewaffnet, in Zivil und unter der Flagge eines polnischen militärischen Freiwilligenverbandes in das Sendegebäude ein. Sie überwältigten die Mitarbeiter des Senders und brachten sie gefesselt in einen Kellerraum. Daraufhin wurde das Sendeprogramm unterbrochen und in deutscher und polnischer Sprache zu einem angeblichen Aufstand aufgerufen:


„Achtung! Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand […] Die Stunde der Freiheit ist gekommen!“ Die Sendung dauerte knapp vier Minuten und endete mit dem Aufruf: „Hoch lebe Polen!“. Zurück blieb ein Toter, der als Beweis für einen angeblichen polnischen Überfall in der Sendeanlage dienen sollte. Der Mann - Franciszek Honiok - war erst am Vortag in einem Nachbardorf von Gleiwitz verhaftet worden, da eine Person als angeblicher Täter benötigt wurde, der man einen Überfall auf den Sender und eine antideutsche Rede im Rundfunk zutraute.


Ich denke, man muss den Nationalsozialismus auch immer als etwas begreifen, mit dem die Mächtigen sehr elastisch jongliert haben. Die Dogmen, das war etwas für die Dummköpfe, aber die Intelligenz war eigentlich immer bereit, alles und zwar auf die brutalst mögliche Weise auf Effizienz und Erfolg auszurichten.

– Christoph Fromm, Stalingrad Podcast Folge 52


Reinhard Heydrichs weitere Einflussnahme auf das Kriegsgeschehen und den Völkermord am jüdischen Volk wird in der nächsten Podcastfolge weitergeführt.


Den Link zum Podcast findet ihr hier.


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