Stalingrad – Baghus - Untergang einer Armee

Aktualisiert: 7. Juni 2019

Eine Armee ohne Uniform. Wirr abstehende Haare anstatt Helme, Lumpen statt Jacken und Hosen, Strümpfe statt Stiefel. Die Soldaten wirken menschlicher, je mehr ihre militärische Maske zerfällt. Vielleicht finden die Soldaten einer Armee vor allem in der Niederlage wieder zu ihrer Menschlichkeit zurück. Man sollte nicht naiv sein. Auf einige mag das zutreffen, andere werden in ihrer unbarmherzigen Haltung durch den Schmerz der Niederlage weiter fanatisiert.

Bezeichnenderweise sind es immer wieder fanatische Ideologien, die die Menschen in ausweglose Situationen treiben. Am Ende ziehen die meisten das Jammertal der Kriegsgefangenschaft im Diesseits dem Paradies im Jenseits vor. Es gehört ein überaus starker Wille dazu, Selbstmord zu begehen, selbst wenn die Tat durch religiösen Fanatismus unterstützt wird. Viele, die in einer solchen Situation waren, berichten von dem grausamen Mechanismus eines Überlebenstriebes, der umso stärker wird, je mehr die körperlichen Entbehrungen zunehmen. Viele, die in den Ruinen von Stalingrad jede Hoffnung verloren hatten, waren auf die Kugel ihrer Kameraden angewiesen, um zu sterben. In Baghus wird es nicht anders gewesen sein. Die meisten warfen ihre Sprengstoffgürtel weg und schleppten sich in die Gefangenschaft.

Natürlich kann man alle IS Mitglieder als Verrückte abtun, aber das wird nicht weiterbringen. Es gab Gründe für diese Menschen, sich zu fanatisieren: Einen Irak, in dem nach dem zweiten Krieg von den USA ein unbarmherziges Schiitenregime installiert wurde, das die Sunniten brutal unterdrückte. Mullahs, die in den Gefängnissen der Amerikaner das Gift eines fanatischen Islam in die Köpfe ehemaliger Saddam Offiziere pflanzten. Verzweifelte, hoffnungslose Menschen, die in die Armee des IS eintraten, weil dort besser bezahlt wurde.

Gründe gab es auch, der NSDAP beizutreten und in den Zweiten Weltkrieg zu marschieren. Auch der Naziideologie gelang es blendend, hoffnungslose, sich gedemütigt fühlende Menschen mit den üblichen Zutaten zu fanatisieren: Nationalismus, Intoleranz, Rassismus, Übermenschentum, Gewaltverherrlichung, Gewinnmaximierung; nicht zu vergessen, der unbedingte Glaube, sich für eine große Sache aufopfern zu müssen, um Teil dieser Größe zu sein.

Gründe gibt es immer. Gründe sind nicht mit Entschuldigungen zu verwechseln.

Der Untergang der IS Armee in Baghus ist von den Ausmaßen her nicht mit der Katastrophe der 6. Armee in Stalingrad zu vergleichen, doch die Bilder der leeren, hoffnungslosen, geschlagenen Gesichter, der in Lumpen in Gefangenschaft Taumelnden, ähneln sich. Fanatische Ideologien haben oft gerade für die, die nicht zum innersten Kreis der Sekte gehören, extremste Auswirkungen.

Die Mehrheit der Soldaten in Stalingrad waren keine fanatischen Nationalsozialisten. Die Mehrheit in Baghus bestand ebenfalls aus Menschen, die versuchten, auf der Seite der vermeintlich Stärkeren zu überleben und dafür bereitwillig - einige sicherlich voller Begeisterung - Kriegsgräuel begingen. Um den Krieg zu überstehen, werden nicht selten sadistische Züge entwickelt, das ist nicht nur in den „In Stahlgewittern" von Ernst Jünger nachzulesen. Dafür muss man kein fanatischer Nationalsozialist oder salafistischer Hassprediger sein. Psychologische Untersuchungen zeigen, wie schnell sich der sogenannte Normalbürger im Krieg zum sadistischen Monster entwickeln kann. Für die meisten war das Kämpfen ein Job, sei es für neue Turnschuhe, eine Cola, einen Burger oder zwei Wochen Überleben. Gespenstisch, wie schnell sich grundlegende Werte in einer Kriegssituation verändern; und zwar für alle Beteiligten. Die Luftangriffe hinterlassen bei den Soldaten und Milizen ebenso irreparable psychische Schäden wie blutige Nahkämpfe am Boden. Davor schützt keine Ideologie – obwohl das NS Regime Krieg und Gewalt verherrlichte, gab es eine erhebliche Anzahl von SS-Frontkämpfern, die in Psychiatrien untergebracht werden mussten. Aber natürlich ist das reine Gewissen, das eine mörderische Ideologie vermittelt, indem sie die Ausrottung des Feindes, des Andersgläubigen verlangt und den Kämpfer zum Helden verklärt, hilfreich beim Morden. Wahrscheinlich liegt hier die Wurzel für all diese hermetischen Gedankengebäude. Eine in sich abgeschlossene Parallelwelt, in der eigene Gesetze gelten – warum sehnen wir uns, sei es im Spiel oder im blutigen Ernst, nach einer derart rigorosen Abkoppelung von unserer eigentlichen Welt? Weil wir sie im Grunde längst aufgegeben haben? Weil wir nur dort unsere Allmachtgefühle angesichts einer zerfallenden Realwelt befriedigt sehen?

Eines ist klar: Ohne eine lebenswerte Alternative in der Realität werden sich die Menschen immer mehr in wirklichkeitsfremde Parallelwelten flüchten und, wie im Fall des IS, versuchen, ihren Kosmos dem Rest der Welt aufzuzwingen.

Die Siegermächte gingen nach dem 2. Weltkrieg klug mit dem Verlierer Deutschland um. Die Deutschen wurden nicht erneut gedemütigt und politisch sowie wirtschaftlich in eine ausweglose Situation getrieben, so wie nach dem 1. Weltkrieg. Man entzog dem nationalsozialistischen Gift den Boden, indem man die Deutschen, zumindest im Westen, einen beispiellosen Aufschwung und Wohlstand erleben ließ – die Demokratie in Deutschland funktionierte nur als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Im Nahen Osten ist von so einer klugen Politik bisher rein gar nichts zu sehen. Wenn es nicht gelingt, den Menschen im Nahen Osten eine wirtschaftliche Perspektive zu vermitteln und ihnen ihre Würde zurückzugeben, wird sich die Spirale von Gewalt und Hass immer weiterdrehen. Aber vielleicht ist genau das politisch gewollt – denn während des IS Terrors war das Öl so billig wie noch nie. Auch Fanatiker müssen sich finanzieren. Und nichts eignet sich besser als Terroranschläge, um die Bevölkerung Überwachungen aller Art willig in Kauf nehmen zu lassen.

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