Weimar?

Es stimmt, Weimar 1929 ist nicht Berlin 2020, aber sind deswegen Vergleiche unzulässig? Wenn man berücksichtigt, dass Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet, ist es durchaus sinnvoll, die teilweise sicher höchst unterschiedlichen Gegebenheiten gegenüberzustellen.

Die wirtschaftliche Situation in der Weimarer Republik war katastrophal, die Schuldenlast durch den Versailler Vertrag bis in ferne Zukunft erdrückend, trotzdem hatte die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1928 ganze 2,8 Prozent. Der Erdrutsch kam mit dem Börsenkrach 29, die NSDAP konnte bei den nächsten Wahlen, 1930, bereits um die 18 Prozent einfahren.

In den neuen Bundesländern ist die AfD bereits jetzt, bei wirtschaftlich ungleich viel besseren Verhältnissen, bei durchschnittlich 25 Prozent. Woran liegt das? Zum einen daran, dass es ungefähr einem Drittel der Bevölkerung, und zwar bundesweit, richtig schlecht geht. Das Lohndumping im Niedriglohnsektor, wo viele nur noch mit zwei, drei Jobs über die Runden kommen, ohne vernünftige Altersabsicherung, hat zurecht für großen Unmut gesorgt. Ob die Grundrente, an sich ein richtiger Gedanke, das wirklich reparieren kann, darf bezweifelt werden. Die Angst vor Klimakatastrophen ist begründet, die Bedrohung real und bestimmt nur noch teilweise aufzuhalten. Jonathan Franzen hat dazu ein lesenswertes Essay verfasst.

Natürlich ist die wirtschaftliche Situation, selbst der Ärmsten, ungleich viel besser als in der Weimarer Republik, aber man darf den aktuellen Neid auf das Drittel, dem es in der Bundesrepublik fantastisch gut geht, nicht unterschätzen. Geschürt wird er durch Wirtschaft und Medien, die ständig vorführen, wie die Reichen leben und was als Konsummöglichkeit alles zur Verfügung steht, wenn man es sich nur leisten kann. Eine Kultur, die als höchstes Glück hemmungslose Sofortbefriedigung propagiert, schürt natürlich den Hass derjenigen, die sich das nicht leisten können. Die Reichen leben den Armen die Dekadenz einer sich bereitwillig zu Konsumidioten deklarierenden Gesellschaft vor. Jeder ist für Umwelt, aber man streamt, fliegt, zockt am besten 24 Stunden am Tag. Man bestellt Kleidung und Essen bei Amazon, bei vielen hat man das Gefühl, sie arbeiten daraufhin, ihr Eigenheim irgendwann überhaupt nicht mehr verlassen zu müssen, es fehlt nur noch Alexa als gutaussehender Androide mit einstellbaren Sexualfunktionen. Wir lassen uns bereitwilligst entmündigen!

Natürlich hinkt auch der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich. Wenn wir so weitermachen, wird kein Krieg nötig sein, um uns zu erobern. Das ist vielleicht sogar die gute Nachricht. Auch wenn wir, so wie wir die Geflüchteten behandeln, nicht mit viel Mitleid werden rechnen können.

Es gibt jedoch, neben den wirtschaftlichen, auch noch andere Gründe für den Aufstieg der AfD. Es ist bei der Wiedervereinigung sträflich unterschätzt worden, dass die neuen Mitbürger aus dem Osten seit 1933 in einer Diktatur gelebt haben. Das Dritte Reich wurde dort offensichtlich in keinster Weise aufgearbeitet. (Im Westen ist das auch nur höchst unzureichend geschehen, aber immerhin gab es die 68er Bewegung und den Prozess wegen Auschwitz). Man hört jetzt immer wieder Anekdoten wie diese: Die Belegschaft eines VEB ist in den 70ern zu Besuch in Moskau. Beim abendlichen Umtrunk gröhlen die Ostdeutschen so lange nationalsozialistische Lieder, bis sie von den Russen rausgeschmissen werden.

Das leuchtende Vorbild für die Volksarmee war immer: die deutsche Wehrmacht!

Gekrönt wurde diese vorschnelle und wenig durchdachte Wiedervereinigung durch die Treuhand, die für eine beispiellose Demütigung und Verbitterung der neuen Mitbürger gesorgt hat, durchaus vergleichbar mit der Demütigung durch den Versailler Vertrag. Da wurden nach 89 viele Karrieren und unzählige Arbeitsplätze zerstört, da haben viele Kinder ihre Eltern zerbrechen scheitern sehen; jetzt explodiert das Ganze, weil keinerlei Aussicht auf Besserung besteht.

Im Jahr 2020 kann man ganz klar sagen: Die Ansiedlung von Industrie in den neuen Bundesländern ist gescheitert. Wer kann, sucht sich einen guten Job im Westen. Übrig bleiben hauptsächlich die, die das nicht schaffen, vielleicht mit der Ausnahme von Leipzig, das sich überraschend gut entwickelt hat.

Völlig unterschiedlich ist die Lage auf kulturellem Gebiet: Zur Zeit der Weimarer Republik stand die deutsche Kultur in höchster Blüte, großartige Romane wurden geschrieben, die expressionistische Malerei war weltweit bekannt, der deutsche Film führend. Davon kann heute keine Rede sein. Die angelsächsische Kultur überrollt uns bis tief in unsere Alltagssprache hinein. Die begabten Juden haben wir vertrieben oder vergast und wir tun alles, damit die paar, die es hier noch aushalten, auch bald gehen.

Der einzige Anker, der dieses Land noch rettet, ist der relative Wohlstand der meisten; doch er steht auf tönernen Füßen. Die Schuldenlast in der EU, die Unzufriedenheit vor allem in Frankreich und Italien, könnten Europa auseinanderbrechen lassen. Dann wird es auch in Deutschland sehr, sehr eng für die Demokratie.

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