Amoklauf im Paradies: Inspiration

Gedanken des Autors zu Amoklauf im Paradies


2003 unterrichtete ich eine Gruppe von Filmstudenten, mit denen ich mich besonders gut verstand. Wir beschlossen, ein Intensivschreibseminar zu veranstalten. Orte wie Südfrankreich, das Allgäu, Nordspanien wurden vorgeschlagen. Irgendwann sagte eine Studentin, ihr Vater besitze ein Häuschen in Schweden. Ohne wirklich zu wissen, wie weit das weg war, stimmte ich zu. Die Anfahrt von der Fähre in Trelleborg bis zum Haus dauerte 21 Stunden. Ich war völlig am Ende, aber bereits am nächsten Tag waren wir mit dem Boot auf dem unglaublich schönen See, an dessen Ufer unser Haus lag. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr geangelt. Aber wir hatten Glück und fingen ein paar Barsche. Am nächsten Tag hing ein mindestens ein Meter langer Hecht an meinem Haken. Es hatte mich gepackt.

2007 stand ich das erste Mal mit einer Fliegenangel an einem schwedischen Fluss. Und ich lernte den Mann kenne, der im Roman Bengt heißt, meinen Lehrmeister. Es war eine harte, aber gute Schule und ich denke, ich habe im Laufe der Jahre Einiges gelernt. Vor allem aber war Bengt eine Figur, über die ich unbedingt schreiben wollte. Weil er so ganz anders war als ich. Und doch gab es eine Gemeinsamkeit. Die große, unbändige Sehnsucht nach Freiheit. Natürlich ist Bengt eine fragwürdige Figur. Er besitzt zahllose schlechte Eigenschaften. Aber gerade das macht ihn für mich interessant. Ich brauchte nur noch eine passende Gegenfigur. Die entstand aus Erlebnissen, die ich persönlich machte, aber auch aus der Bekanntschaft mit zahlreichen deutschen Anglern. Ich fand die Gegensätze zwischen Deutschland und Schweden auf Anhieb interessant, und es war schnell klar, es musste komisch werden. Am Ende gab es allerdings auch so viel Tragik in der Geschichte, so viel, was man für Karikatur halten könnte, das aber ohne jede Änderung aus der Realität übernommen wurde, dass es zwangsläufig eine Groteske wurde. Erwin ist für mich der Prototyp des deutschen Kleinbürgers und ich musste beim Schreiben feststellen, dass viel mehr von ihm in mir steckt, als ich wahrhaben wollte. Ich habe nie eine Tochter gehabt, aber ich wäre vermutlich ein ähnlich schlechter, hilfloser Vater gewesen wie Erwin. Solche Väter sind heutzutage leider keine Seltenheit, das weiß ich aus vielen Gesprächen mit meinen Studenten und das sieht man auch deutlich an den Stoffen, die sie schreiben. Die Hilflosigkeit der älteren gegenüber der jüngeren Generation war selten so groß. Und die Überforderung der jüngeren Generation mit den gegebenen Umständen auch nicht. In meinem Buch entstehen daraus komische Momente, aber es könnte auch jederzeit in der Katastrophe enden. Erwin hat Angst, sehr viel Angst, und auch das konnte ich gut nachvollziehen. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg war die Situation für das Bürgertum in Deutschland so bedrohlich wie heute. Es sind viele kluge Artikel darüber geschrieben worden: Arbeitsplatzverlust, Verlust der sozialen Sicherheit, Überforderung durch die Globalisierung, Verlust des Selbstwertgefühls, Verlust der sicher geglaubten Werte, das alles steckt in der Figur und ihre Sehnsucht nach einer Idylle in der Natur kann natürlich nur Fata Morgana bleiben. Daraus hätte man ein Drama à la Into The Wild machen können, aber vielleicht ist die Situation zu ernst für Dramen. Denn das Lachen sollte man sich gerade im Angesicht der Katastrophe nicht nehmen lassen – es ist manchmal das Einzige, was dann noch bleibt.

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