Vorweihnachtliche Gedanken

Wieder einmal rückt sie näher, die besinnliche vorweihnachtliche Zeit. Zeit um nachzudenken, über das Christentum und sein langes, auf den ersten Blick sehr verwunderliches Verhältnis zu Krieg und Gewalt.

Der Pazifismus von Jesus, der sich widerstandslos kreuzigen lässt und die brutale Gewalt, die deutsche Soldaten in Stalingrad ausgeübt haben, sind größtmögliche Gegensätze. Also wie konnte es dem nationalsozialistischen Regime gelingen, seine Ideologie mit der Religion des Christentums zu verbinden? „Gott mit uns“ stand auf der Gürtelschnalle des deutschen Soldaten. Und nicht nur die Nazis haben das Christentum für ihre Zwecke eingespannt. Es gibt keine andere Religion, in deren Namen so viel geplündert, gebrandschatzt, gemordet wurde, wie diejenige des pazifistischen Christentums. Warum?

Die Idee des pazifistischen Jesus stammt vermutlich von einem römischen Steuereintreiber, Saulus, der durch ein Erweckungserlebnis zum Apostel Paulus wurde. Eine Geschichte, die eine plötzliche, radikale Wandlung in einem Charakter behauptet, der man, wenn man sich eingehender mit Psychologie befasst, skeptisch gegenüberstehen muss. Auch, da es sich bei der Figur um den Autoren selbst handelt. Dieselbe Radikalität, mit der Paulus seine Erweckung erlebt, legt er in seine Vorstellung von Jesus. Es gibt eine interessante Theorie, wonach der historische Jesus alles andere als friedfertig war, sondern ein durchaus gewaltbereiter judäischer Revolutionär, den die Römer quasi als „Terroristen“ kreuzigten. Hat Paulus ihn zum pazifistischen Erlöser umgedichtet? Und wie passt dieser Pazifismus zu einer Religion, die von Anfang an ihren Glauben mit Feuer und Schwert verbreitet hat und Andersgläubige ins Höllenfeuer ewiger Verdammnis verbannte? Wie ist diese in die Ewigkeit verlängerte Rachsucht mit den Ideen von Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu vereinbaren? Von den Völkermorden an ungläubigen Indianern oder Afrikanern ganz zu schweigen.

Ist der Pazifismus nur Tarnung oder schwebt in seiner von vielen christlichen Heiligen gelebten Radikalität ein gefährlicher Fanatismus, der zu Überheblichkeit, Intoleranz und am Ende logischerweise zu Gewalt führt?

Wenn ich durch meinen Stalingradroman blättere, bleibe ich auf Seite 238 bei der Weihnachtsgeschichte einer der Hauptfiguren, Otto Gross, hängen. Gross wendet sich darin massiv gegen die „Glorifizierung des Leidens“, aus gutem Grund. „Dass man etwas Edles, Großartiges aus dem Leid machen kann, aus dem elenden Verrecken“, war der Nährboden dafür, warum nicht nur viele Soldaten, sondern auch Angehörige, den Schmerz, die Trauer so lange so widerspruchslos erduldeten. Sich klein machen vor Gott, vor dem scheinbar unabwendbaren Schicksal, hieß auch, sich klein machen vor einer verbrecherischen Führung.

In einer Zeit, in der die Menschen zurecht immer mehr Angst bekommen, wird das Denken vernachlässigt. Nicht umsonst hat Hitler die Dogmen des Nationalsozialismus bewusst irrational gestaltet. Wenn etwas unsinnig ist, muss man es umso intensiver glauben! Der Glaube versetzt Berge, aber diese Gebirge stürzen meistens in die allertiefsten Abgründe.

Deswegen wünsche ich uns ein Weihnachten, bei dem wir uns nicht zu Konsumidioten degradieren lassen, sondern den Mut haben nachzudenken und unbequeme Wahrheiten auszusprechen, notfalls auch am Weihnachtstisch!

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