Das Remake-Boot

Ich habe mich über Jahrzehnte mit der Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs beschäftigt. Deswegen muss ich zur Wiederverfilmung von „Das Boot“ einige Sätze schreiben.

Der dreiteilige Fernsehfilm von Petersen war, im Gegensatz zum daraus entstandenen Kinofilm von 1981, der Ereignissen und Figuren in seiner Verknappung nicht gerecht wurde, ein Meisterwerk.

Davon ist die Neuverfilmung als achtteilige Serie denkbar weit entfernt. Da vielen Produktionsfirmen offensichtlich überhaupt nichts mehr einfällt, quetscht man aus Geschichten, deren Rechte man bereits besitzt, auch noch die allerletzte Vermarktungsmöglichkeit. Das Ergebnis ist erschütternd schlecht. Wo Petersen und Buchheim eine dichte, glaubwürdige Atmosphäre zeichneten, wirkt das Leben auf dem Remake U-Boot zunächst wie ein Ferienlager; keiner der Schauspieler verkörpert auch nur im Ansatz einen glaubwürdigen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Sie wirken wie Knirpse in allzuweit geschnittenen historischen Uniformen; selbst die U-Boote sehen aus wie Modellschiffchen in einer überdimensionierten Badewanne.

Durch die Dramatisierung der Ereignisse wird es nicht besser. Einer völlig unglaubwürdigen Meuterei im Boot folgt die Schwachsinnsidee, den bisherigen Kommandanten in einem Rettungsboot auszusetzen, mit dem er prompt am Ende der Serie New York erreicht. Der neue Kommandant verfällt vorübergehend in Depression und findet dann ebenso überraschend wie unmotiviert zu alter Kommandostärke zurück, als man ein Geisterschiff auf dem Ozean sichtet, das man eigentlich nicht mit dem Horchgerät ausfindig gemacht haben kann, denn der Dieselmotor besagten Schiffs hat längst den Geist aufgegeben.

Das ist, mit Verlaub, Räuberpistole auf allerunterstem Niveau.

An Land geht es nicht sehr viel glaubwürdiger zu. Die weibliche Hauptfigur wandelt sich in allerkürzester Zeit durch die Macht der Liebe (Achtung! Emotion!) von der linientreuen Volksgenossin zur überzeugten Widerstandskämpferin. Auch die Resistanceleute und ihre Unterstützer wirken eher wie eine Pfadfindertruppe als wie Revolutionäre, die den erbarmungslosen spanischen Bürgerkrieg gemeistert haben. Über Ereignisse dort wird im Tonfall gemeinsam erlebter Klassentreffen geplaudert. Die Anführerin dieser abenteuerlichen Truppe ist zwar in mehreren Szenen vom Morphium schwer gezeichnet, erweist sich dann aber auf der Flucht vor deutschen Soldaten als überraschend lauffreudig. Trauriger Höhepunkt ist der Zweikampf der Protagonistin mit dem Hauptbösewicht. Dabei liegt natürlich das Messer zufällig genau an der richtigen Stelle und natürlich trifft unsere in körperlichen Auseinandersetzungen bisher eher ungeschulte Hauptfigur auf Anhieb die entscheidende Arterie. Da sprudelt das Blut so lustig wie das Atlantikwasser beim hoffentlich endgültigen Abtauchen des Remake-Bootes.

Nicht die Ereignisse folgen den Figuren, sondern die Figuren passen sich den von einer Autorenheerschar willkürlich zusammengewürfelten Ereignissen an. Das führt zu völliger Beliebigkeit.

Regisseur Prochaska gelingt es nicht einmal in eindeutigen Spannungssituationen (z.B. Boot säuft ab) Spannung aufzubauen. Woran das liegt? Alle Figuren sind derart unglaubwürdig gezeichnet, dass sie und ihre holzschnittartig behaupteten Konflikte einem nach kürzester Zeit restlos egal sind.

Einmal mehr fällt die völlig unangemessene Lobhudelei des deutschen Feuilletons unangenehm auf. Diese Art von Rezension ist gefährlich. Gerade rechtspopulistische Kreise haben sich mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit auf fragwürdige Weise ausgiebig beschäftigt und fühlen sich durch derart hanebüchene Plots und eine geradezu lächerlich unrealistische Figurenzeichnung in ihrem Urteil über die deutschen Medien bestätigt.

Ich bin sehr enttäuscht und werde in Zukunft noch konsequenter zu guten Büchern greifen. Auch nicht schlecht.

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