Der Fluch der Psychologie

Die ästhetischen Kriterien, über die früher Philosophen lange und sorgfältig nachgedacht haben, sind im Mainstream durch ein einfach messbares, materialistisches Kriterium ersetzt worden: Quote, bzw. Verkaufsergebnisse, das heißt: Geld.

Interessant ist der Rückkopplungseffekt: Dort, wo im Feuilleton gegen dieses Kriterium noch letzter, an sich erfreulicher Widerstand geleistet wird, hat sich ein Pawloscher Reflex entwickelt: Je verrückter, unglaubwürdiger, behaupteter und damit meistens auch erfolgloser ein Werk daherkommt, umso größer der angebliche Kunstgehalt.

Welches Kunstverständnis verbirgt sich hinter dieser Haltung? Man sucht das Neue, Einzigartige, Sperrige, Unzugängliche; man stellt das Dogma des Mainstreams auf den Kopf: Je schwerer verkäuflich, umso höher die Qualität. Das erinnert an den Atheisten, dessen Haltung von jedem geschickten Jesuiten rasch als die eines Gläubigen identifiziert wird: Einen Gläubigen an die Nichtexistenz Gottes.

Die Sehnsucht einen Kosmos zu erschaffen, losgelöst von jeglicher Realität, natürlich auch von materialistischen Gegebenheiten, ist möglicherweise deshalb so groß, weil in der Realität unsere Bedeutung immer mehr auf die des Konsumenten reduziert wird, dem infamerweise umso größere Mündigkeit attestiert wird, je ohnmächtiger sich seine Realität gestaltet. Es wird viel von der Macht des Konsumenten geredet, in Wirklichkeit werden ihm viel zu viele wichtige Informationen vorenthalten, und, noch viel effektiver, er wird in einem Sumpf von Bequemlichkeit gebadet, sodass ihm der steinige Pfad zu einem wirklich unabhängigen freien Leben wenig verlockend erscheint.

Ebenso verhält es sich mit der Kunst. Realismus erscheint einengend, viel verführerischer glitzert das Universum der Träume, des Unterbewussten, der grenzenlosen Fantasie.

Es sind Reiche, die durch Gesetzlosigkeit auffallen, und die besitzen immer etwas Verführerisches. So etwas wie dramaturgische Logik existiert nicht mehr, und die allgemein verbreitete Aversion gegen das „Psychologisieren“ hat dazu geführt, dass Figuren jetzt ohne jegliche Motivation so ziemlich alles dürfen, am besten möglichst widersprüchlich, ausgedacht, behauptet.

Doch trotz aller Entgrenztheit bleibt die Figurenzeichnung in den meisten Fällen am Ende relativ konventionell. In den zahllosen Coming-of-Age-Fantasien landet man immer wieder bei denselben Charakterstereotypen: Die mutige, mittlerweile auch körperlich unbesiegbare Heldin, der schüchterne Romantiker, der introvertierte Nerd, der ungeliebte Intrigant, der sportliche Sexprotz, die brave, beste Freundin usw.

Selbst wenn behauptet wird, das Unbewusste von Figuren zu erzählen, reduzieren sich die Ergebnisse meistens auf relativ konventionelle Kämpfe von Gut gegen Böse.


Wie könnte eine Figur aussehen, die man tatsächlich auf vier, fünf verschiedenen Ebenen ihres Unterbewusstseins erzählt? Hochkomplex, widersprüchlich, aber eben nicht beliebig. Das Komplexeste der meisten Menschen ist nicht ihre Gedankenwelt, sondern ihr Unterbewusstsein. Dort laufen allerdings keine Filme im konventionellen Sinne ab. Bruchstücke von Geschichten, manchmal nur Ereignisse stellen sich häufig sehr elliptisch dar, dieselbe Figur nimmt verschiedene Gestalten an. Die Intensität des Erlebten wechselt: Manchmal betrachtet man quasi von außen seine Träume, manchmal steckt man in ihnen so intensiv wie in einer realen Extremsituation. Man spricht nicht umsonst von Ereignissen, die traumatisiert haben. Will man eine solche Figur bauen, sollte man von einem starken Ereignis ausgehen, quasi von einem Urknall, der die psychischen Verwerfungen auslöst, sonst wird man sich im Labyrinth der unzähligen Möglichkeiten verlieren. Anschließend sollte man der Versuchung widerstehen, der Figur willkürlich Ereignisse und Erzählstränge anzudichten, die man „geil“ findet, sondern den psychologischen (logischen!) Wellenbewegungen zu folgen, die das auslösende Ereignis einfordert.

Wenn wir uns auf ein neues Feld des Figurenerzählens begeben wollen, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Psychologie.

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