Fünf Wochen später!

Wenn ich heute lese, was ich vor fünf Wochen zu Beginn der Corona-Pandemie geschrieben habe, bemerke ich erst, wie viel inzwischen passiert ist, mit der Welt, mit mir.

Eine Dystopie, die ich mir immer wieder ausgemalt habe, ist Wirklichkeit geworden, auf eine gespenstische Art und Weise. Die Häuser, die Parks, die Landschaft sehen aus wie immer, und doch ist alles von einer unsichtbaren Bedrohlichkeit durchzogen. Man kann sich noch so gut schützen, es kann einen täglich erwischen, beim Einkauf, beim Spaziergang, selbst zuhause, zum Beispiel durch ein Familienmitglied, das zur Arbeit gehen muss. Höchstwahrscheinlich wird es dann glimpflich verlaufen, aber eine Gewissheit gibt es auch darüber nicht.

Diese Seuche hat die scheinbare Sicherheit, in die wir uns lange gewiegt haben, brutal zerrissen. Niemand kann uns schützen, weder der Staat noch die Gesundheitsbehörden, manchmal nicht einmal mehr das aufopferungsvoll arbeitende Personal der Krankenhäuser. Wir müssen lernen, in dem Bewusstsein zu leben, dass es keine Sicherheit gibt, weder gesundheitlich noch finanziell. Die Sicherheitsnetze, die wir gebaut haben, sind nur noch Spinnweben. Aber war es im Grunde nicht immer so, dass uns jeden Tag eine tödliche Krankheit, ein schrecklicher Unfall oder der Verlust des Arbeitsplatzes treffen konnten? Wir haben es nur erfolgreich verdrängt. Viele tun das auch mit dem Virus, aber vielen von uns gelingt das nicht mehr und die Dämonen der Angst brechen aus unserem Unterbewusstsein. Wir müssen verinnerlichen, dass das Leben nie kontrollierbar sein wird, und dass es in Zukunft sehr viel weniger kontrollierbar sein wird als jetzt.

Haben sich so unsere Großeltern gefühlt, als die spanische Grippe über sie hinwegfegte und sie die Inflation überrollte? Noch sind solche Szenarien dunkle Schatten unserer Phantasie, aber das war eine Seuche wie Corona vor einem Jahr ebenfalls.

Was, wenn das Schreckliche Wirklichkeit wird? Wenn das Virus mutiert und die Überlebenschancen gering werden? Hält uns diese Horrorvorstellung davon ab, unsere Lebensweise grundlegend in Frage zu stellen? Wohl kaum, und das ist ein Fehler, der möglicherweise nicht mehr wiedergutzumachen sein wird. Eines sollten wir begriffen haben: Die Welt, die wir gebaut haben, ist sehr verletzlich und sie bekommt überall Risse. Nicht nur Covid-19, auch der Klimawandel, die Dürre, der Mangel an sauberem Wasser, die verseuchten Böden, die exorbitante Verschuldung bedrohen unsere jetzige Zivilisation.

Wir müssen endlich begreifen, dass die Natur uns immer überlegen sein wird, und zwar wird sie umso mächtiger, und darin liegt das Paradox, je mehr wir sie zerstören.

Gerade deswegen ist es unabdingbar, neuen Mut zu fassen: Im Bewusstsein, dass die Welt unkontrollierbar ist, dass jeden Tag alles passieren kann, diesen Tag voller Freude und Zuversicht zu leben. Auch hier liegt die Wahrheit im Paradox.

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