Kritik Berlin Alexanderplatz

Es gibt immer wieder tolle Szenen in diesem Film, die nahe an der Wirklichkeit von Geflüchteten und Kleindealern sind. Es gibt auch sehr gute Szenen, die aus dem Roman stammen und immer noch große Kraft entfalten. Es gibt leider aber auch sehr platte Bilder, Kitsch und Dialoge, die weder soziale noch psychologische Genauigkeit besitzen.

Man hätte aus dem Stoff eine spannende Milieustudie machen können. Das zwanghafte Verschrauben mit dem Roman „Berlin-Alexanderplatz“ sorgt dafür, dass Teile der Handlung einfach unglaubwürdig sind. Der schnelle, relativ mühelose Aufstieg eines Schwarzafrikaners im Kleindealermilieu, kein Problem, aber sobald Francis dann in die Etablissements und teuren Escortkreise vordringt, wirkt alles ziemlich behauptet. Klar, der Roman will es so, aber der spielte in den Zwanzigerjahren und das ist ein Problem. Ein Mann wie Pums spielt im organisierten Verbrechen von Berlin heutzutage keinerlei Rolle mehr, ebensowenig könnte sich dort eine Figur wie Reinhold auf diesem Niveau lange halten. Das Verhältnis der hauptsächlich russischen, vom Balkan oder aus dem Nahen Osten stammenden Zuhälter zu den meist osteuropäischen Zwangsprostituierten ist sehr viel kälter, unpersönlicher und allein auf Gewinn ausgerichtet. Da wirkt eine Szene wie die erste Begegnung von Francis mit einer deutschen Prostituierten, die sich erst laut schreiend von Reinhold ficken lässt um kurz darauf dasselbe ebenso lustvoll mit Francis zu wiederholen, befremdlich.

Raum ist in diesem Milieu für Sentimentalität, Gewalt und Sex, selten für Lust und noch seltener für Gefühl. Der Film hingegen pflegt über weite Strecken eine schwer erträgliche Romantisierung. Die Geschichte zwischen Francis und Mieze ist ein schöner Wunschtraum, in der Realität würde sich eine teure Escortdame wohl kaum auf einen afrikanischen, einarmigen Flüchtling einlassen und wenn, dann aus sehr viel unschöneren Motiven.

Muss denn immer alles realistisch sein? Ich finde, wir haben lange genug geträumt. Ich finde, wir brauchen Filme, die endlich wieder genau und schonungslos erzählen. Das tut dieser Film nur sehr bedingt, und es ist bestimmt nicht die alleinige Schuld der Kreativen.

Es ist traurig, dass man heutzutage offensichtlich einen Roman der Weltliteratur bemühen muss, wenn man überhaupt noch etwas in diesem Milieu realisieren will. Das liegt am kleinbürgerlichen Kunstverständnis der Finanziers, das leider den gesamten Film durchzieht. Da war Fassbinder in seiner durchgehenden Künstlichkeit und oft auch Kunstgewerblichkeit konsequenter. Das Remake zerfällt immer wieder in zwei Teile, die nicht zueinander passen.

Trotzdem seien die hervorragenden Schauspieler und, wie gesagt, auch einige Szenen ausdrücklich gelobt: Die „Milchzahnszene“, in der sich Mieze ihrem Franz/Francis das erste Mal richtig öffnet und ebenso die letzte Szene zwischen Mieze und Reinhold, die bereits bei Fassbinder großartig war.

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