#MeFree: Was einen unsichtbar macht




Ein Cineplex in einer deutschen Stadt. Im größten Saal die Vorführung eines natürlich großartigen Films für die Kinobetreiber aus ganz Deutschland. Für das geladene Team eine Vorpremiere. Sogar der Hauptdarsteller, Superstar und sonst nur noch in amerikanischen Produktionen zu sehen, hat sich herbemüht. Es wird an den Stellen gelacht, am Ende frenetisch geklatscht. Die Stimmung ist, wie alles andere auch, großartig. Anschließend klopft man sich im Foyer gegenseitig auf die Schultern. Alle unterhalten sich angeregt.


Nur nicht mit mir.


Ich stehe hochschwanger neben meinem Co-Autoren oder hieve mich zur Entlastung der Wasserbeine auf einen der unbequemen Barhocker. Keiner beachtet mich. Ich werde nicht mal begrüßt. Und wenn ich einen Blick suche oder die Hand hebe, um mich doch mal aus Höflichkeit einem der Superbosse vorzustellen, die ich als Autorin noch nicht kennenlernen durfte, nickt man mir nur mitleidig zu. Eigentlich ein angenehmer Zustand in diesem aufgekratzten Szenario. Aber ein bisschen beleidigt bin ich schon ob der Missachtung, habe ich mich doch ziemlich aufgerieben an diesem Projekt, unzählige Anrufe Ertragen („Gib Gas!“, „Wie weit bist Du?“, „Wir wissen, Du schaffst das!“) und stundenlange Drehbuchbesprechungen über mich ergehen lassen (Besprechung zu Fassung 13: „Was ist noch mal unsere Aussage?“).


Als ich mich nach einer Stunde passiv aufgenommenem Palaver von meinem Co-Autoren verabschiede und er mich freundlicher Weise nach Hause begleiten will, missachtet man mich genauso wie zuvor und schüttelt meinem Co-Autoren die Hand mit den Worten: „Schade, dass ihre Kollegin nicht gekommen ist.“ Kleinlaut ergreife ich nun doch das Wort:


„Aber ich bin doch hier.“


Man blickt verschämt auf meinen Bauch und stottert etwas von: „Dachten, sie seien nur die Begleitung von... Das tut mir jetzt Leid... Hätten uns so gerne noch unterhalten... Hätten einen großen Auftrag...“ Der Anruf für den großen Auftrag, auch ein natürlich großartiges Projekt, folgt nur einen Tag später. Ein Produzent, der am Vortag nicht da sein konnte. Plötzlich ist der Bauch nicht mehr so wichtig, denke ich, lese ein Drehbuch und mache Überarbeitungsvorschläge, die angeblich auch ganz großartig sind. Wir sprechen über Zeitpläne und ich äußere die Vermutung, dass ich eine Fassung noch vor Geburt meines Kindes schaffe.


„Ach, Sie sind SCHWANGER???“

„Ja“, sage ich und schäme mich ein bisschen dafür. „Hat man das nicht erzählt?“

„Nein! Na, dann kann ich Ihren Kontakt ja streichen.“

Kurz fassungslose Stille. „Wieso?“, frage ich.

„Also, von Frauen, die ein Kind bekommen haben, habe ich nie wieder etwas gehört.“


Ich verabschiede mich konsterniert und höflich und für einen kurzen Augenblick spinnen Fragen durch meinen Kopf: Ist es nun der Fehler eine Frau zu sein, schwanger zu sein oder Drehbuchautorin zu sein? Denn irgendwie scheint das nicht zusammenzupassen.

Ein paar Jahre später. Eine zufällige Begegnung auf der Berlinale nach der Premiere eines Films, den ich seltsamerweise dann doch trotz Kindern schreiben konnte. Dieses Mal werde ich sofort erkannt von dem Mann, der nie wieder etwas von Frauen... . Wir unterhalten uns oberflächlich freundlich. Nach dem Abschied tätschelt er meine Schulter: „Schade, dass Sie damals abgesagt haben!“

Erfahrungsbericht einer Drehbuchautorin

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