Michel Friedmann - Endlich die Perspektive des Täters einnehmen
- Christoph Fromm

- 5. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, der 27.1., ist gerade wieder einmal vergangen, mit erschütternden Berichten von Augenzeuginnen und Zeugen und mit ritualhaft sich wiederholenden Reden, Thema: So etwas darf sich nie wiederholen (richtig) und: In Deutschland ist kein Platz für Antisemitismus (falsch).
Der Publizist Michel Friedmann hat jetzt in einem Interview gefordert, die Deutschen dürften sich nicht länger damit begnügen, die Rolle der jüdischen Opfer aufzuarbeiten, sondern sie müssten sich viel intensiver mit ihrer Rolle als Täter befassen. Ich halte das für absolut richtig und genau das ist Thema meines neuen Romans „Hitler – Prophet der Finsternis“.
Der Roman geht von der fiktiven Situation aus, was hätte geschehen können, wenn Hitler in Nürnberg vor Gericht gestanden hätte. Er beschäftigt sich mit der unbequemen Frage, wie ein zivilisiertes Volk im Herzen Europas sich in großer Mehrzahl und mit fanatischer Inbrunst einem Mann und seinen Ideen hingeben konnte, die von Anfang an auf Krieg, Hass und Zerstörung – auch Selbstzerstörung ausgerichtet waren. Das wäre, meiner Meinung nach, ohne die Erzeugung einer religiösen Begeisterung nicht möglich gewesen, und deswegen beschäftigt sich das Buch auch mit Hitlers Selbstinszenierung als „Werkzeug der Vorsehung“, „deutscher Messias“ und seiner Faszination für die „Götterdämmerung“.
Hitler hat, mit der damals zur Verfügung stehenden Technik, uralte Blut- und Vernichtungsrituale zum Leben erweckt und konsequent umgesetzt. Erschreckenderweise sind ihm dabei nicht nur die sogenannten einfachen Leute gefolgt, sondern ein Großteil der Elite aus Wirtschaft, Militär und Politik. Hinter den rationalen Erklärungen wie verlorener Erster Weltkrieg, Versailler Vertrag, zwei Geldentwertungen, die alle richtig sind, muss die noch tiefere Erkenntnis stehen, dass wenn individuelles Denken durch kollektive, religiös fanatische Triebhaftigkeit ersetzt wird, alles möglich ist, auch eine radikale Umwertung der Werte. Davor schützt keine formale Intelligenz, im Gegenteil: Intelligenz wird Methode in den Wahnsinn bringen, sie wird sich eine innere Logik bauen, mit der selbst die ungeheuerlichsten Verbrechen scheinbar notwendig werden.
Hier dringt man in Bereiche vor, die mit historischen Fakten alleine nicht zu greifen sind – deswegen habe ich einen Roman geschrieben.
Eine weitere spannend Frage ist, war die Person von Hitler entscheidend für die Katastrophe, oder waren es seine Ideen, die größtenteils nicht von ihm selbst stammten, sondern bis weit ins 20. Jahrhundert, teilweise bis ins Mittelalter und darüber hinaus zurückreichen. Und wer war Hitler als Charakter? Wenn man sich intensiver mit ihm befasst, wird rasch klar, Hitler war keine normale Person: Dieser Mann war sein Programm. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte er nach einem Gasangriff bei Ypern und einer dadurch verursachten hysterischen Erblindung die Wiedererlangung seines Augenlichts mit einem religiösen Erweckungserlebnis verbunden, wonach er dadurch bestimmt sei, das deutsche Volk aus seiner Schmach zu erlösen und zu neuer Größe zu führen.
Was zunächst lächerlich klang, hatte Methode: Hitler hat sein kümmerliches Individual-Ich, den Männerheiminsaßen und Weltkriegsgefreiten, durch die selbstinszenierte Führerfigur ersetzt. Dabei springen die intensiven Anleihen, die er beim Christentum genommen hat, bis in die Sprache seiner Reden hinein, immer wieder ins Auge. Die Verbindung seiner zerstörerischen Ziele mit einer alten, im Volk fest verwurzelten Religion, waren ein entscheidender Faktor für seinen Erfolg.
Deshalb ist heute wieder größte Aufmerksamkeit gefordert, wenn sich radikale religiöse Kreise, seien sie christlich-evangelikal, orthodox oder islamistisch, mit autokratischer Politik verbünden. Immer dann, wenn individuelle Freiheit, unabhängiges kritisches Denken durch blinden Glauben ersetzt werden, droht Gefahr, vor allem, da dieser Glaube in der Lage ist, immense, irrationale Kräfte freizusetzen. Genau darin liegt natürlich seine Faszination. Hitler konnte nur verführen, weil ein Volk da war, das verführt werden wollte. Wenn man sich die aktuellen Anführer der Großmächte betrachtet, findet sich glücklicherweise keine Figur wie Hitler unter ihnen. Die Gleichsetzung von Putin oder Trump mit Hitler ist absurd falsch. Das sollte uns aber keineswegs beruhigen.
Möglicherweise braucht es keinen Propheten mehr – die sozialen Medien sind vollkommen ausreichend.




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