Pandemie

Ungeachtet der weiteren Ausbreitung des Coronavirus und seiner offensichtlichen Gefährlichkeit sollte uns diese Pandemie nicht den Blick auf die geistige Pandemie rechtsradikalen Gedankengutes verstellen, die sich seit Jahrzehnten im Netz ausbreitet. Und möglicherweise ist es interessant, die Funktionsmechanismen, die Abwehrmöglichkeiten und vor allem die Ängste, die beide Pandemien auslösen, zu vergleichen.

Natürlich regt die Ausbreitung des Coronavirus sofort zu Verschwörungstheorien an und ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass Verschwörungstheorien nicht nur wertlose Hirngespinste sind, sondern durchaus Gedankengänge, die man auf ihre Wahrscheinlichkeit hin überprüfen, die man aber vor allem auch als Gradmesser für Ängste und hysterische Übertreibungen innerhalb einer Gesellschaft wahrnehmen sollte.

(Wenn jemand vor 20 Jahren behauptet hätte, es gäbe in Deutschland eine rechtsradikale Terrorzelle, die Ausländer umbringt, hätte man ihm den Weg in die nächste Psychiatrie gewiesen).

Wie beim HI-Virus taucht auch jetzt sofort der Verdacht auf, dieses Virus sei im Labor von US-Geheimdiensten entstanden und man versuche damit speziell die chinesische Wirtschaft lahmzulegen. Mal abgesehen davon, dass es für Leute, sofern sie rechtzeitig davon gewusst hätten, ein Billionengeschäft gewesen wäre, an den Börsen auf das Virus zu wetten, werden sich sichere Erkenntnisse über all diese Theorien, wie immer, sehr bescheiden gestalten. Trotzdem ist es absolut legitim, alles zu denken, was gedacht werden kann, denn diese Epidemie ist natürlich nur eine Antwort auf all die bangen Fragen, die sich viele von uns seit Jahren stellen: Wie soll es enden mit der rapide zunehmenden Überbevölkerung auf dieser Erde? Sind wir überhaupt noch in der Lage sinnvoll, das heißt mit Geburtenkontrolle, dagegen zu steuern, oder erwarten wir schicksalsergeben die unweigerlichen Seuchen, Umweltkatastrophen, Kriege und schwindenden Ressourcen, die die Weltbevölkerung wieder auf ein für die Natur verkraftbares Maß reduzieren?

Ich glaube, viele von uns befürchten letzteres und wir alle fürchten zurecht die Katastrophen, die der Weg dorthin für viele von uns bereit hält. Es ist also absolut gerechtfertigt, Angst zu haben, es ist aber töricht und gefährlich, sich auf irrationale Art und Weise von diesen Ängsten überwältigen zu lassen. Und genau an diesem Punkt beginnt die Überschneidung von einer biologischen und einer geistigen Pandemie.

Auch für den sogenannten Rechtsruck sind Ängste die Hauptursache: Angst, am Existenzminimum vegetieren zu müssen, noch häufiger Angst, den jetzt noch vorhandenen Wohlstand zu verlieren, Angst unterzugehen, nicht gesehen zu werden.

Der Schrei nach Aufmerksamkeit zeigt die endlose Vereinsamung und Hilflosigkeit des Individuums.

Diese Ängste werden perfide benutzt. In Propagandatechniken geschulte Profis schaffen im Netz ein hasserfülltes, hysterisches Klima, in das jeder, der empfänglich ist, eintauchen kann und dann aufgrund von Algorithmen nur noch mit verwandtem Gedankengut gefüttert wird.

Wenn ich eine Bluesplatte bestelle, erhalte ich das gesamte Bluesangebot im Netz, wenn ich „Ausländer raus“ eingebe werde ich mit fremdenfeindlichen Artikeln überschüttet. Hier liegt ein ganz großer Schwachpunkt des Netzangebotes, und dem ist mit dem Verbot von Hass und Hetzbeiträgen nur bedingt beizukommen, denn natürlich kann ich Ausländerfeindlichkeit auch auf FAZ Leitartikelniveau abhandeln.

Die Organisatoren des Hasses und der Hetze waschen ihre Hände in Unschuld. Sie müssen nichts weiter tun als auf die Dummköpfe, die Psychopathen, die Verzweifelten zu warten, die begierig ihre Suppe löffeln und zur Tat schreiten.

Was können wir dagegen tun? Die Gründe der Angst reduzieren, heißt: Mehr soziale Sicherheit, mehr soziale Gerechtigkeit. Europa muss sich auf seine Stärken besinnen und seinen Mitbürgern mehr Mitspracherecht einräumen. Es kann nicht sein, dass wir alle zur Wahl gehen und am Ende wird doch wieder im Hinterzimmer ausgeklüngelt, wer Europa regiert. Staaten, die sich einer demokratischen Grundordnung widersetzen, müssen ausgeschlossen werden. Nur dann wird Europa von einer Mehrheit befürwortet werden.

Kohls geistigmoralische Wende, die 82 der Beginn einer anderen Republik war und sich in einen global agierenden Ausplünderungskapitalismus eingereiht hat, muss einer neuen Wende Platz machen: Saubere Nahrungsmittel, friedliche Koexistenz soweit möglich, aber auch die nötige Entschlossenheit und der Mut, sich im Ernstfall zu wehren. Solidarität mit Ärmeren muss uns wichtiger sein als Gewinnmaximierung und Effizienz um jeden Preis. Mehr Lebensqualität durch ideelle Werte, durch echten Austausch, als durch Luxus. Das erfordert ein Umdenken, das uns allen schwer fällt. Wir sind in den letzten 40 Jahren anders erzogen worden. Höchste Zeit, unser Verhalten zu ändern. Und wir sollten, gerade im Angesicht der drohenden Katastrophen, mehr Gelassenheit an den Tag legen. Das heißt nicht, nichts zu tun, aber unser Handeln sollte von Ruhe, Augenmaß und Vernunft bestimmt sein. Leben bedeutet Risiko. Es gibt keine absolute Sicherheit.

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