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Alles auf Null?


Das brutale Massaker der Hamas an der israelischen Zivilbevölkerung ist durch nichts zu rechtfertigen. Und natürlich hat Israel das Recht und die Pflicht, sich gegen diesen barbarischen Überfall, der an das Massaker vom Bataclan 2015 erinnert, zu verteidigen. In beiden Fällen wurden junge wehrlose Menschen überfallen, die Musik hören, die tanzen wollten. Wie sagte Bin Laden: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“ Die Hamas hat das auf furchtbare Art erneut bestätigt.


Die Frage ist nur, wie das israelische Militär und - nicht zu vergessen - der israelische Geheimdienst, bei der Bekämpfung der Hamas am klügsten vorgehen kann, und da scheint mir der mäßigende Rat der Amerikaner im Augenblick mehr als sinnvoll. Die vorbereitenden Luftschläge waren sicher notwendig, dass dabei auch viele unschuldige Palästinenser starben, ist ein fürchterliches Dilemma, aber nicht zu vermeiden. Man darf dabei nicht vergessen, verantwortlich für diesen Wahnsinn, bei dem Zivilisten als Schutzschilde missbraucht werden, ist die Hamas! Ob eine großangelegte Bodenoffensive wirklich die Zerschlagung der Hamas bringen wird, muss man bezweifeln, sie wird aber auf jeden Fall auf beiden Seiten sehr viele Opfer fordern – das ist bereits jetzt mehr als deutlich geworden.


Weitere Luftschläge werden unverhältnismäßig viele Opfer unter der Zivilbevölkerung fordern. Israel sollte sie, auch im eigenen Interesse, einstellen. Gezielte Spezialoperationen im In- und Ausland, wo sich die Führungsriege der Hamas in Sicherheit glaubt, wären sehr viel sinnvoller. Wenn weiter jeden Tag palästinensische Zivilisten sterben, wird der Zorn im arabischen Raum möglicherweise in einen großen Krieg münden, eine Katastrophe, die unbedingt verhindert werden sollte.


Natürlich hat auch dieses Massaker eine Vorgeschichte – das entschuldigt nichts, erklärt aber einiges. Seit der Ermordung von Jitzchak Rabin 1995 durch einen jüdisch-orthodoxen Fanatiker ist in Israel die Zwei-Staaten Lösung zunehmend unpopulärer geworden. Es schien aus israelischer Sicht ein geschickter Schachzug, den Palästinensern uneingeschränkt den Gaza-Streifen zu überlassen. Im Gegenzug wurde das sehr viel fruchtbarere West-Jordanland zunehmend durch israelische Siedler in Besitz genommen, heute sind es über 600 000.

Damit ist ein palästinensischer Staat auf dem Gebiet des West Jordanlandes unmöglich geworden – keine Macht dieser Welt wird die israelischen Siedler dort noch wegbringen. Und die Vorstellung, dass jüdisch-orthodoxe Siedler in friedlicher Koexistenz in einem palästinensischen Staat leben würden, ist absurd.


Bleibt also nur der Gaza-Streifen, den viele als „Freiluftgefängnis“ bezeichnen. Ein Stück Wüste, ungefähr so groß wie Köln, völlig abhängig von Hilfslieferungen. Die Israelis kontrollieren die Wasserversorgung und den Strom. Dort wurde tragischerweise die Hamas 2006 mehrheitlich gewählt – sicher ein Fehler, aber angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage der Palästinenser nachvollziehbar. Es gehört auch zur Wahrheit, dass Israel die Hamas am Anfang unterstützte, als Konkurrenzprojekt zur Fatah, die im Westjordanland residierte aber durch Korruption und Unfähigkeit zunehmend an Einfluss verlor. Man beging also exakt den Fehler der USA in Afghanistan.


Man glaubte, fanatische Islamisten instrumentalisieren zu können. Die verwendeten die internationalen Hilfsgelder natürlich hauptsächlich dazu, Tunnelsysteme zu bauen, Waffen zu bunkern, die Bevölkerung zu fanatisieren und Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Die Mehrheit der Palästinenser bemerkte möglicherweise zu spät, an wen man sich da ausgeliefert hatte. Die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dieser Menschen ist für uns wahrscheinlich nur schwer nachvollziehbar. Mir wurde sie klar, als ein Straßenhändler im Libanon angesichts des erneut drohenden Krieges vor der Kamera äußerte: „Es gibt keine Arbeit, keine medizinische Versorgung, keine Zukunft – uns ist völlig egal, ob wir sterben, wir sind schon lange tot.“


Eine ideale Brutstätte für Terrorismus, das hätte sowohl der internationalen Staatengemeinschaft als auch der israelischen Regierung klar sein müssen, aber man ließ die Dinge treiben bis zur Katastrophe, schlimmer noch, man glaubte, durch Verträge mit anderen arabischen Regierungen die Palästinenser außen vor lassen zu können. Der anstehende Vertrag mit Saudi Arabien war sicher ein Grund für das Massaker – selbstverständlich keine Entschuldigung.


Aber was jetzt tun? Die Hamas zerschlagen? Militärisch kaum lösbar.


Es muss eine politische Lösung für die Palästinenser gefunden werden. Aber wo wäre Platz für einen Palästinenserstaat? Eine Art erweiterter Gazastreifen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Israel nach diesem furchtbaren Anschlag bereit sein wird, auch nur einen Zentimeter Staatsgebiet abzutreten. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ein arabischer Staat bereit wäre, ein Stück Staatsgebiet für ein solches Projekt zur Verfügung zu stellen. Ägypten hat bereits sehr deutlich gemacht, dass es auf keinen Fall Flüchtlingslager auf dem Sinai will – von einem Palästinenserstaat ganz zu schweigen.


Denn es geht ja nicht nur um Land und wirtschaftliche Unterstützung. Man bräuchte eine Art politisches Aufbauprogramm, so wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, um die Bevölkerung überhaupt empfänglich für eine Demokratie zu machen. Ob das im Nahen Osten wirklich funktionieren würde? Fraglich. Der Irak ist ein abschreckendes Beispiel. Aber was bleibt dann? Die Zementierung eines Großisrael und ein Palästinenservolk ohne Land? Das wird den Terror mit Sicherheit wieder von Neuem entfachen. Es bräuchte unglaubliche Großzügigkeit auf beiden Seiten, den Willen zu verzeihen und gemeinsam nach konstruktiven Lösungen zu suchen, um dieses unglaublich schwierige und komplexe Problem zu lösen. Zu sehen sind im Augenblick nur Wut, Trauer, Verzweiflung und Hass, auf beiden Seiten. Und abschließend bleibt die bange Frage:


Ist überhaupt noch Zeit, nach friedlichen Lösungen zu suchen?


Die Welt scheint sich unaufhaltsam auf einen großen Krieg zuzubewegen. Dafür gibt es Gründe: Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, zur Neige gehende Ressourcen. Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, die Probleme friedlich zu lösen, jetzt scheinen sie für viele nur noch mit Gewalt lösbar zu sein. Das erinnert mich an ein Essay des ehemaligen Beraters von Trump, Steve Bannon. Dort fordert er ganz unverhohlen, angesichts der Weltlage alles „auf null zu stellen“. Tenor: Nur nach einem neuen großen Krieg habe man die Chance für einen lukrativen Wiederaufbau und neues Wachstum.


Möglicherweise teilen diesen Gedanken mehr einflussreiche Persönlichkeiten als man glaubt.

Es ist auf jeden Fall klar erkennbar, dass die Welt seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine Stück für Stück weiter ins Kriegschaos treibt. Dahinter steckt die Weigerung der USA, sowohl Europa (und Russland ist und bleibt ein Teil Europas) als auch China als gleichberechtigte und gleichstarke Wirtschaftsmächte anzuerkennen. Dazu kommt, dass der sogenannte „globale Süden“ nicht mehr länger bereit ist, die Vormachtstellung der USA und des Westens anzuerkennen. Zu diesem westlichen Block zählt natürlich auch eindeutig Israel. Man kann nur hoffen, dass China klug genug ist, Taiwan nicht zu besetzen. Denn dann wäre der Dritte Weltkrieg unvermeidlich.

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